Seit jeher haben sich Menschen Gedanken über das Wesen der Welt gemacht. Die Weltbilder verschiedenster Philosophen, Denker und Wissenschaftler aus den entferntesten Kulturen sind uns heute zugänglich und laden uns ein, selber zum Forscher zu werden.
Ein häufiger Gedanke spiegelt sich im Verständnis der Dualität und der Zwitternatur des Menschen. Seine Persönlichkeit wird einerseits als eine äussere sinnlich wahrnehmbare Natur beschrieben. Diese Natur besitzt die Eigenschaften der Materie: sie ist wiegbar, messbar und eingeschränkt in Ort und Zeit. Sie ist fortwährender Veränderung unterworfen und deshalb unbeständig und zeitweilig. Sowohl Körper (Physe) als auch Verstand und Denken (Psyche) gehören zu dieser ersten Natur. Am eigenen Beispiel können wir beobachten, wie sich unser Körper, unser Verstand und unsere Intelligenz fortlaufend verändern. Um die Veränderungen festzustellen, denen unser Körper unterworfen ist, genügt ein regelmässiger Blick in den Spiegel oder ins Fotoalbum. Aber auch unser Verstand verändert sich laufend und wechselt die Kriterien und Massstäben nach denen er sich richtet. Wenn die Funktion des Verstand darin liegt, angenehme Dinge zu erreichen und unangenehme Dinge fernzuhalten, verändert er sich ähnlich dem Körper ständig. Als Kind mag jemand zu ganz anderen Schlussfolgerungen gekommen sein, als später als Erwachsener. Die Intelligenz ist ihrerseits in der Lage auf der Grundlage von Wissen und Erfahrung den Verstand zu kontrollieren. Dementsprechend ist sie fähig, vom Verstand als angenehm eingestufte Dinge abzulehnen oder umgekehrt unangenehme Dinge anzunehmen, dennoch unterliegt sie demselben Wechsel wie der Körper. Diese Unbeständigkeit von grobstofflichem (Physe) und feinstofflichem (Psyche) Körper wird in Sanskrit dem Bereich des a-cit zugeordnet: leblos, materiell, ohne Bewusstsein, Materie.
Die zweite Natur des Menschen ist von vollkommen anderer Qualität. Sie ist als etwas charakterisiert, das von Zeit und Raum unabhängig und dauerhaft ist. Es ist der Beobachter all der oben beschriebenen Vorgänge, das, was sich bewusst ist und sich immer als dasselbe "Ich" fühlt. Dieses Ich stellt fest: Früher hatte ich einen kleinen Körper, heute habe ich einen grossen. Früher dachte ich in der Weise, heute denke ich anders darüber. Aber mein Ichgefühl, meine Identität hat sich nicht gewandelt. Es waren immer meine Gedanken, mein Körper, nicht die einer anderen Personen, die mit dem Wechsel von Körper und Denken auch ihre Identität gewechselt hätte. Durch all diese unaufhörlichen Wechsel hindurch verbleibt dieses Ich dasselbe, weshalb es als dauerhaft, ruhig und unabhängig von Zeit und Raum charakterisiert ist. Es ist dieses unveränderliche Ichgefühl, durch welches sich die Seele, des Selbst, bemerkbar macht. Diese zweite Natur wird dem Bereich des cit zugeordnet: reines Bewusstsein.
Wir können weiter beobachten, dass ein lebloser Körper zurückbleibt, wenn das fehlt, was sich über sich bewusst ist. Selbst für viele Ärzte bleibt der Moment des Sterbens, indem das Leben zu erlöschen scheint, ein Mysterium. Die einen, wie der Herzspezialist Dr. Bigelow (Toronto General Hospital) sagen darüber: Es kam einige Male vor, dass ich im Todesmoment eines Menschen anwesend war, und es finden dabei einige rätselhafte Wechsel statt. Für mich einer der eindrucksvollsten Momente ist das plötzliche Fehlen des Lebens oder des Glanzes in den Augen. Sie werden milchig und im wahrsten Sinne des Wortes leblos.
Die merkwürdigsten Versuche wurden bereits unternommen, um doch noch irgendeinen stofflichen Beleg für die Existenz einer nicht-stofflichen und somit auch nicht messbaren und sichtbaren Seele zu bekommen, die beim Tod den Körper verlässt. So wog der Arzt Duncan MacDougal anfangs des 20. Jahrhunderts eine Anzahl Kranker in dem Augenblick, in dem sie an Schwindsucht starben. Zu diesem Versuch stellte er den Kranken mit Bett und allem anderen auf eine Waage mit genauer Skala und beobachtete dann, ob der Waagebalken sich im Moment des Todes bewegte. Aufgrund des Ausschlages und seinen darauf einsetzenden Berechnungen kam er zum Schluss, dass das, was den Körper im Todesmoment verliess, etwa 60 g wiegen müsse.
Solche Versuche lassen uns vielleicht schmunzeln. Nachdenklich stimmen dagegen die Schlussfolgerungen von Wissenschaftlern, die ein Leben lang versucht haben, Leben und Bewusstsein auf biochemische und bioelektrische Vorgänge zu reduzieren. Der Chemiker und Nobelpreisträger Albert Szent-Gyorgi räumt ein: Auf meiner Suche nach dem Geheimnis des Lebens endete ich bei den Atomen und Elektronen, welche nicht im geringsten Leben aufweisen. Irgendwo auf dem Weg ist mir das Leben durch die Finger geronnen. Nun da ich alt bin, lenke ich meinen Schritt nochmals zurück. (in Biology Today, Del Mar/California, 1972)
Zu einem ähnlichen Schluss gelangte Wilder Penfield, der Vater der Neurochirurgie, der selber viele Versuche am menschlichen Gehirn bei vollem Bewusstsein des Patienten unternommen hatte: Auf die eine oder andere Art ist die Frage nach der Natur des Geistes ein elementares Problem, vielleicht das schwierigste und bedeutendste aller Probleme. Ich habe mein ganzes Leben als Wissenschaftler damit verbracht, zu erforschen, wie das Gehirn das Bewusstsein steuert. Nun muss ich in dieser abschliessenden Zusammenfassung meiner Ergebnisse überrascht feststellen, dass die Hypothese des Dualismus (der Geist existiert getrennt vom Gehirn) die vernünftigere Erklärung ist.(Penfield, The Mystery of the Mind, Princeton University Press, 1975).
Sehr eingehend haben sich die renommierten Wissenschaftler Karl R. Popper und John C. Eccles mit dem Leib-Seele-Problem auseinandergesetzt. In einer Art interdisziplinärer Zusammenarbeit ist daraus das Buch "Das Ich und sein Gehirn" hervorgegangen. Eccles, der selbst Nobelpreisträger für Gehirnphysiologische Forschung ist, hält darin fest (Piper 5. Aufl. 1996, S.658):
So bin ich genötigt zu glauben, dass es etwas gibt, das wir einen übernatürlichen Ursprung meines einzigartigen selbstbewussten Geistes oder meiner einzigartigen Selbstheit der Seele nennen könnten ...".
Auch der Veda geht auf die Thematik von Leib und Seele ein. Er unterteilt jedoch letztlich nicht in Begrifflichkeiten wie natürlicher und übernatürlicher Ursprung, da er nur einen Ursprung, das summum bonum kennt. Dementsprechend teilt er die verschiedenen Elemente des Daseins, die ihren Ursprung alle im einen Ganzen, dem Höchsten Wesen haben, lediglich unterschiedlichen Energien zu. In einer ersten groben Unterteilung wird das fein- und grobstofflich Materielle als niedrige Energie bezeichnet, die von einer höheren Energie - dem Bewusstsein - durchdrungen und von ihr belebt wird.
An diesem Punkt verbindet sich die Frage der Selbsterkenntnis mit der Frage des Selbstinteresses. Der Lebensfunke kann mit einem Fahrer verglichen werden, der sich als Fahrer seines Fahrzeugs identifiziert und ausschliesslich um dessen Wohlergehen sorgt. Ähnlich dem Fahrer, der in dieser Weise als Person weder Frieden noch Glück erlangen kann, vermag auch der ewige Lebensfunke seine Sehnsucht nach beständigem Frieden, beständiger Freude und Geborgenheit nicht zu erfüllen, wenn er sich ausschliesslich mit seinen zeitweiligen menschlichen Hüllen identifiziert, und in deren Interesse tätig ist. Auf der Ebene von Körper, Verstand und Intelligenz gibt es nichts, das seinem inneren Bedürfnis nach Beständigkeit vollständig gerecht werden könnte.
Es liegt deshalb in unserem eigentlichen Selbstinteresse, die ewige und unwandelbare Natur unserer Identität (die höhere Energie) zu er-ken-nen und sie von den sich laufend verändernden Hüllen (der niederen Energie) klar zu unterscheiden. Hier tut sich bereits der nächste Schritt in unserer Suche auf: wie sollte man handeln, um seiner eigenen ewigen Identität gerecht zu werden? Auf dieses Thema werden wir später noch ausführlicher eingehen, doch zwei Grunderkenntnisse nehmen wir bereits vorweg:
Ähnlich wie sich Duft in der Blume, Öl im Sesamsamen, Feuer im Holz, geklärte Butter in der Milch und Zucker im Zuckerrohr befindet, so erkenne durch Wissen die Seele, die sich im Körper befindet.
Der Veda unterteilt die verschiedenen Element dieser Welt in immer feinere Bereiche. Flüssigkeit ist feiner strukturiert als ein fester Gegenstand, Gas feiner als Flüssigkeit usw. Feste Gegenstände und Flüssigkeiten können wir erkennen, doch Gase sind für uns bereits nicht mehr sichtbar. Befindet sich das Gas jedoch in einem Ballon oder werden Ätherwellen in Radio- und Fernsehsendungen übertragen, erhalten wir eine Wahrnehmung von beidem. In ähnlicher Weise können wir auch feine Elemente wie den Geist oder die Intelligenz nicht sehen. Doch wir können den Geist in Gedankenmustern erkennen und die Intelligenz in scharfsinnigem Urteilsvermögen.
Wenn wir deshalb die Seele mit unseren Augen nicht erkennen können, bedeutet das, dass sie nicht existiert? Wer weiss, wie winzig Atome sind, würde nie behaupten, es gebe keine Atome, schliesslich könne er sie nicht sehen. In ähnlicher Weise hat ein solcher Einwand auch für jemanden keinen Gehalt, der weiss, dass die Seele feiner ist als das feinste materielle Element.
Der Veda erklärt diese allerfeinste Natur der Seele (Atman) und gibt vielerlei Beispiele zur Unterscheidung von Körper und Geist. Da nur der Körper dem Auge sichtbar ist, während das Selbst diesem verborgen bleibt, wird dem Yogi transzendentales Wissen als Instrument zur Wahrnehmung empfohlen. Ein Mittel hin zum transzendentalen Wissen ist die Beobachtung.
Jeder von uns nimmt sich wahr als: Ich - ein bewusstes Lebewesen. Diese Erfahrung gründet sicherlich nicht in unseren einzelnen Körperteilen. Unterbrechen wir die Blutzufuhr zu einem Körperteil oder müssen wir gar einen Arm oder ein Bein amputieren lassen, verfügt dieser Teil weder über ein Ich noch über ein Bewusstsein. Woher kommt also dieses Bewusstsein? Offensichtlich nicht aus den einzelnen Körperteilen.
Ist Bewusstsein nicht ein Symptom der Seele (des Ichs), während der Körper unbewusst ist? Wer oder was ist dieses Ich, dieses Bewusstsein, das überhaupt erst in der Lage ist, etwas sehen zu können? Das Auge ist lediglich das Organ, welches uns das Sehen ermöglicht. Vereinfacht gesagt, reizt das durch das Auge einfallende Licht aus der Umgebung die Netzhaut und erzeugt eine chemische Reaktion. Dadurch wird der Sehnerv stimuliert und in einer Kettenreaktion werden elektrischer Impulse zu verschiedenen Teilen des Gehirns und von dort wieder zurück zum Hirnstamm geleitet. Wir können vielleicht erklären, dass elektro-chemische Impulse im Hirn umgewandelt und letztlich als Farben und Formen wahrgenommen werden. Keine dieser Erklärungen gibt uns aber eine Information darüber, wer der eigentliche Seher ist. Sind Sie die Hornhaut des Auges? Die Pupille? Die chemischen Substanzen welche bestimmte Reaktionen erzeugen? Eine bestimme Gehirnzelle im Sehzentrum der Gehirnrinde? Offensichtlich nicht. Könnte das Ich die Gesamtheit aller Körpermoleküle sein? Doch weshalb ist unser Ich-Gefühl dann durch das ganze Leben hindurch gleichbleibend? Wir fühlen nicht, dass wir die Persönlichkeit gewechselt hätten, wenn wir einen Körperteil amputieren oder ein Organ entfernen müssen. Wir erinnern uns daran, wie wir als Kinder waren und wissen: das war ich vor so und soviel Jahren. Seither hat sich unser Körper ständig verändert. Tatsächlich erneuern sich die Moleküle beim menschlichen Körper laufend, so dass nach sieben Jahren ein Körper vorhanden ist, dessen Moleküle vollständig ausgewechselt sind. Doch unser Ichbewusstsein bleibt beständig.
Durch diese Beobachtungen erhalten wir eine indirekte Wahrnehmung von der Seele. Ähnlich wie jemand bei Tagesanbruch an der Helligkeit erkennt, dass die Sonne aufgegangen ist, obwohl die Wolken am Himmel ihm die direkte Sicht auf die Sonne nicht gestatten mögen, können wir unser spirituelles Wesen aufgrund der Symptome erkennen: Bewusstsein und die Beständigkeit des Ichgefühls durch all die verschiedenen Veränderungen der sich ständig wandelnden Materie hindurch.
Die Offenbarung ist eine weitere Quelle transzendentalen Wissens. Hier wird das Wissen, dem wir uns in obigen Beispielen empirisch zu nähern versuchten, von höherer Quelle als Offenbarungen an uns weitergereicht. Für die Weisen des alten Indiens ist es transzendentales Wissen, wenn die Bhagavad-gita feststellt (2.13): So wie die verkörperte Seele hier diesen Körper von Kindheit, zu Jugend, bis ins Alter wechselt, so nimmt sie nach dem Tod einen anderen Körper an. Wer gelassen und besonnen ist, lässt ich dadurch nicht irreführen.
Dieses festgeschriebene Offenbarungswort (shastra) wird jedoch nicht bloss als unverrückbares Dogma geglaubt. Im persönlichen Beispiel (der Verbindung: yoga) und der Unterweisung (shiksa) des Geisteslehrers (guru) wird das festgeschriebene Offenbarungswort (shastra) lebendig. Der Schüler erfährt eine erste praktische Anwendung des transzendentalen Wissens, das er aufgenommen hat. Da der Lehrer dieses Wissen bereits praktisch verwirklicht hat, ist er befähigt, dieses im yoga und der Unterweisung an den Schüler weiterzureichen, so dass auch der Schüler nach und nach den Unterschied von Körper und Bewusstsein versteht und praktisch erfährt. Mit Hilfe dieser Instrumentarien ist er letztlich in der Lage, den eigentlichen Seher zu entdecken, der dem blossen Auge verborgen bleibt.
Wer das Unvergängliche für das Vergängliche aufgibt, verliert beides. Das vergängliche Dasein macht sich in seinem Kern selbst zunichte.
Schon in den 70-iger Jahren überraschte Dr. Harry Monsen, Anatomieprofessor an einer medizinischen Fakultät in Illinois, die Welt mit einer niederschmetternden Erkenntnis. Dank der Inflation, war da in einem Artikel der Associated Press zu lesen, sind Sie 5 1/2 Mal mehr wert als noch vor einigen Jahren. Kalzium, Magnesium, Eisen und andere Mineralien eines erwachsenen Körpers waren früher bloss 98 Cents wert. Doch laut Dr. Monsen steigerte sich ihr Wert im Laufe der Zeit und erreichte nun in den glorreichen 70-igern die schwindelerregende Höhe von 5 Dollar 60 Cents. Und der Preis wird noch steigen, ähnlich wie dies auch bei Leichen und Skeletten der Fall ist, fuhr Dr. Monsen fort, Wir sind in der Spirale der Inflation gefangen.
Nun, wir sind der Meinung, in weit mehr als nur der Inflationsspirale gefangen zu sein. Wir sind in dem gefangen, was der Veda als den eigentlichen Kern der Illusion hervorhebt: wir können nicht klar verstehen, wer wir wirklich sind.
Der menschliche Körper besteht hauptsächlich aus Wasser, so führt der Artikel weiter aus. Ein 55 kg schwerer Mensch besteht aus etwa 4,5 kg Kalzium, 1,4 kg Phosphat, 1/2 kg Kalium, je 350 g Sulfur und Sodium, 60 g Magnesium und weniger als je 60 g Eisen, Kupfer und Jod.
Calzium, Phosphat, Kalium, Sulfur - ist das Ihre Identität? Oder vielleicht doch eher Natrium, Magnesium, Eisen, Kupfer ...?
Es ist ganz einfach. Wenn wir unseren Körper zerlegen, zerfällt er in einen Hauptanteil Wasser und einige chemische Verbindungen, die etwa 5 - 6 Dollar wert sind. Doch wenn wir über uns selbst nachdenken, darüber, wer wir wirklich sind, spüren wir da nicht, dass jeder von uns weit mehr ist? Welche Schlussfolgerung können wir daraus ziehen? - Wir sind nicht dieser materielle Körper.
Wenn wir unsere Persönlichkeit tiefgehend untersuchen, können wir zwei grundlegend verschiedene Wesensmerkmale erkennen: die wandelbare Natur des Körpers, der hauptsächlich aus Wasser, chemischen Verbindungen, Sulfur, Jod usw. besteht, und die unwandelbare Natur des Selbst, das sich immer als Ich empfindet und sich durch Bewusstsein ausdrückt. Einen Körper mit Bewusstsein betrachten wir als Person, den gleichen Körper ohne Bewusstsein betrachten wir als Leiche.
Die Associated Press hält in ihrem Artikel fest, dass Leichen teuerer sind als jemals zuvor und Dr. Monsen fügt hinzu, der Preis werde bald auf 200 US-Dollar ansteigen.
Im Gegensatz hierzu verfügt Bewusstsein über keinen Preis. Verstand, Ehrgeiz, Güte, Liebe - all das sind Merkmale des Bewusstseins. Mit anderen Worten: das Bewusstsein ist das wesentliche, unschätzbare Element unserer Persönlichkeit.
Diese Zeitung hat einen interessanten Artikel über den Wert unseres Körpers veröffentlicht, doch interessiert es nicht viel mehr, das Selbst in diesem Körper zu verstehen? Weshalb messen wir unseren Körpern so viel Wert bei, und kümmern uns kaum um uns, die wir in ihnen wohnen? Wenn wir uns solche Fragen stellen, erkennen wir letztlich die Bedeutung des Bewusstseins. Es ist das Bewusstsein, das dem Körper Leben verleiht und ihn für eine bestimmte Zeit sehr wertvoll macht.
Der Veda nennt dieses Bewusstsein Atma, und ähnliche Begriffe wie Seele oder Geist sind uns im westlichen Sprachgebrauch bekannt. Um den eigentlichen Wert des Lebens verstehen zu können, empfehlen uns die Yogis verschiedene Vorgänge, mit denen wir unsere spirituellen Identität jenseits des materiellen Körpers suchen und erfahren können.
Die meisten Menschen leben nach dem Verständnis, sie seien diese Körper. Wenn wir uns zum Beispiel für Deutsche, Schweizer, Österreicher, Inder, Japaner, Amerikaner, weiss oder schwarz, Mann oder Frau halten, dann sind diese Bezeichnungen doch nur detaillierte Beschreibungen unseres Körpers. Wir schenken dem Körper, der praktisch nichts wert ist, viel Aufmerksamkeit und vergessen darüber den unschätzbaren Wert der Seele (des Bewusstseins), die dem Körper erst Leben verleiht.
Als wir den Leuten erzählten, sie seien nur 98 Cents wert, waren sie schockiert, erinnert sich Dr. Monsen. Sie fühlten sich besser, als sie wussten, dass ihr Wert nun schon auf 5 Dollar 60 Cents angestiegen ist.
Wir wissen nicht, ob das Selbstwertgefühl dieser Menschen seit der Verbreitung der Organtransplantationsmedizin und der dadurch entstandenen Wertsteigerung von Leber, Niere usw. noch etwas mehr angehoben worden ist. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass unser Selbstwertgefühl den Zustand grenzenlosen besser Fühlens erlangt, wenn wir uns von körperlichen Bezeichnungen lösen können und verstehen, dass wir gar nicht dieser Körper sind, sondern unbezahlbares, grenzenloses Bewusstsein.
"Wie eine Raupe, wenn sie das Ende des Grashalms erreicht hat,
Die Frage über Leben und Tod erfährt anfänglich nur eine sehr versteckte Antwort. Denn hier greift der Forscher nach der Ewigkeit des spirituellen Urgrunds aller zeitweiligen Existenz. Selbst Yama, der Gott des Todes, der Hüter des Tors zur Ewigkeit, weicht zuerst aus, als er nach einem Dasein nach dem Tode gefragt wird. Die Frage stellt ein entschlossener Knabe, Naciketas, der sich nach der Wahrheit sehnt: Ein Zweifel waltet, wenn der Mensch verscheidet. Er ist! sagt dieser, Er ist nicht! sagt jener. Das möchte ich, von dir belehrt, ergründen, das sei die letzte Gabe, die ich wähle. (Katha-Upanhishad)
Doch Yama zögert und verweist darauf, dass selbst die Devas darüber einst im Zweifel waren. Er bietet dem Jüngling alle Reichtümer und Genüsse der Welt an, wenn er nur eine andere Frage als diese stellen würde. Als Naciketas sich nicht beirren lässt, da freut sich Yama, weil nur ein solch entschlossener Forscher sich letztlich als Schüler eignet.
Obwohl dieses Wissen sehr vertraulich behandelt wird, findet es doch immer wieder deutlichen Ausdruck auch in den frühesten schriftlichen Texten, wie der eingangs erwähnte Vers in der Brihadaranyaka Upanishad deutlich zeigt. Auch Yama gibt sein Zögern gegenüber Naciketas schliesslich auf, und weist ihn auf den Kreislauf der Wiedergeburten hin: Was hier ist, ist dort, und was dort ist, ist hier. Und der geht von Tod zu Tod, der hier einen Unterschied sieht. (Katha-Upanishad 2.1.10).
Die Bhagavad-gita, die von vielen als die Essenz des vedisch-spirituellen Wissens betrachtet wird, geht ihrerseits ausführlich auf das spirituelle Wesen der Seele (die höhere Energie) und ihre Bindung durch Karma und Wiedergeburt an die grob- und feinstoffliche Welt (die niedere Energie) ein. Karma und Wiedergeburt gehören in der Bhagavad-gita bereits zu den Einführungsthemen, denn sie will zu Themen hinführen, die ihrem Wesen nach noch viel vertraulicher sind: der Quelle aller Liebe und der Beziehung allen Seins zu diesem Ursprung.
In diesem Licht betrachtet, wird der Reinkarnationsgedanke nicht zu den wichtigen Wahrheiten des Lebens gezählt. Ein Gedanke, der sich leicht nachvollziehen lässt, gibt es doch auch in den Kulturen, in denen der Gedanke der Wiedergeburt nicht zum Grundverständnis gehört, immer wieder Menschen die in Gottes Liebe aufblühen. Trotzdem erweitert das Wissen um die Wiederverkörperung das eigene Verständnis von sich, dem Entstehen und Vergehen der Welt, der Beziehung der Lebewesen zur Welt und ihrem Schöpfer. Wir werden im nächsten Teil noch weiter vertiefen, wie die Welt im Lichte der Reinkarnation ihr Gesicht verändert.
Dieser Vorgang des Sterbens und was danach geschieht, gehört wie jede andere Erfahrung in den Bereich des individuellen Erlebens eines jeden Lebewesens. Entsprechend vielfältig sind die Erzählungen des Veda darüber. Geliebt wird die Geschichte der edlen Savitri, die furchtlos und treu den Fussspuren Yamas folgt, als dieser ihren geliebten Ehemann fort holt. Sie lässt den toten Körper ihres Ehemanns hinter sich, da sie weiss, dass Yama, der Tod, die Seele mit sich nimmt. Schliesslich, nach langem Weg und furchtloser Selbstlosigkeit, schenkt Yama ihrem Gatten das Leben. Als Savitri nun zum Leichnam ihres Gatten zurückeilt und schliesslich seinen Kopf in ihren Schoss legen kann, erwacht er, als sei er gerade aus einem Traum erwacht. Würde Savitri ihm nichts erzählen, so wäre es für ihn tatsächlich bloss ein Traum gewesen.
Von ganz anderer Art ist der Tod des Königs Bharata. Er wird als Kaiser der Welt beschrieben und nach ihm wird in der vedischen Kultur die Welt bharata-varsa genannt. Dieser König, von edelstem Charakter und grosser Verwirklichung, zieht am Ende seines Lebens in den Wald, um sich ausschliesslich der Meditation zu widmen. Dort trifft er auf ein scheues Reh, dessen Angst und Hilflosigkeit sein Herz gefangen nimmt. Seine Aufmerksamkeit (sein Bewusstsein) richtet sich mehr und mehr auf das Reh und als es eines Tages nicht zu seinem Ashrama zurückkehrt, wird er krank vor Sorge und macht sich auf die Suche nach ihm. Er sucht es auch während der Nacht und schliesslich ereilt ihn dabei der plötzliche Tod. Da das Reh ihn in seinen letzten Lebensmonaten am meisten in Anspruch genommen hat und sein ganzes Bewusstsein im Todesmoment von den Gedanken an und Gefühlen für das Reh ausgefüllt ist, nimmt er schliesslich entsprechend diesem Bewusstsein den Körper eines Rehes an. Doch er kann sich in diesem Tierkörper an sein Leben als König Bharata erinnern und so geht er als Reh zu seinem Ashrama zurück, und lebt bis zu seinem Tod ein Leben der Zurückgezogenheit. In dieser Weise setzt sich die Linie seines Lebenspfades im nächsten Körper eines Brahmanen fort. Nun heisst er Jada Bharata und noch immer kann er sich an seine Leben als König Bharata und Reh erinnern. Er gibt deshalb vor taubstumm und dumm zu sein, um sich so dem Einfluss der Gesellschaft entziehen und vollständig seiner Meditation widmen zu können. Doch schliesslich kann seine Weisheit und Verwirklichung nicht länger im Verborgenen bleiben und König Rahugana bittet ihn darum, sein geistiger Lehrer (guru) zu werden, der ihn im Wissen um die Transzendenz unterweist.
Der gestrauchelte Brahmane Ajamila erlebt bei seinem Tod eine Vision, die ein westlicher Mensch wohl als Höllenvision bezeichnen würde. Wider besseren Wissens hat er sein Leben mit Rauben und wüstem Feiern verbracht. Als er alt und krank geworden dem Tod ins Auge blickt, sieht er schreckenerregende Schergen auf sich zukommen, die seine Seele mit Gewalt aus dem Körper zerren und ihn fortschleppen wollen. Es ist die Rede von Yamas Gericht. Er, der Herr des Todes, lässt jedem zukommen, was ihm gebührt. Ajamila schreit voller Angst, denn nur er kann diese geisterhaften Gestalten sehen. Die Geschichte lässt ahnen, welchen Lauf das Weiterleben Ajamilas nehmen würde -- käme ihm nicht die Gnade des Herrn in Form seines Heiligen Namens entgegen. Ajamila wird schliesslich ein Aufschub gewährt und er kommt in dieses Leben zurück - als geläuterter Mensch, der sein Leben neu ausrichtet.
Der Veda enthält viele Geschichten dieser Art, manchmal ausführlich erörtert, manchmal nur als kurze Sequenzen in einer grösseren Erzählung erwähnt. So unterschiedlich diese Erfahrungen auch sind, so weisen sie doch auch eine starke Gemeinsamkeit auf. Es ist das Verständnis, dass all das, was wir im Jetzt tun, einen direkten Einfluss auf das hat, was wir später erfahren - auch in einem späteren Leben. Alles, was wir in unserem Leben getan und gedacht haben, hinterlässt in unserem Geist eine Spur. Sie sind wie ins Wasser geworfene Steine, die Wellen erzeugen, welche irgend einmal zu uns zurückkommen. Die Gesamtsumme all dieser Eindrücke in unserem Geist und der zurückgeworfenen Wellen, entscheiden über die Lebenssituationen, denen wir im Laufe unserer Weiterentwicklung begegnen. Das Rein-karnationsverständ-nis, und damit die unterschiedlichen freud- und leidvollen Erfahrungen die das Lebewesen in verschiedenen Körpern sammelt, werden in dieser Weise als Elemente der Lebensschulung verstanden.
Im Buch des chassidischen Rabbiners Yonassan Gershom findet eine jüdischen Frau, die sich an ihr letztes Leben - ihren Selbstmord als Jüdin im Hitlerdeutschland - zu erinnern glaubt, für diese Lebensschule folgende Worte: Durch diese Sicht der Dinge fühlte ich mich sehr erleichtert. Tatsächlich hat sich mein Leben sei unserem Gespräch (mit Rabbi Yonassan Gershom, Anmerk. d. Verf.), gebessert. Die harten Erfahrungen, die ich hatte machen müssen, verdüstern mein Dasein nicht mehr mit Trauer und Schmerz. Statt dessen haben sie sich im Lauf der Jahre zu Erkenntnis, Toleranz und Verständnis - und hie und da ein bisschen Weisheit - verwandelt. (in Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Verlag am Goetheanum, Dornach 1997)
Die endlose Wanderung von Körper zu Körper im Kreislauf der Wiedergeburt wird samsara genannt. Solange das Lebewesen sich mit dem Körper gleichsetzt und sein Tun und Denken auf diese Überzeugung abstützt, ohne sein spirituelles Selbst zu erkennen, bleibt es in diesem Geburtenkreislauf gefangen. Das Ziel der vedischen Wiedergeburtslehre liegt deshalb darin, aus diesem Geburtenkreislauf (samsara) heraus zu finden und Befreiung (mukti) zu erlangen. Die Ebene der mukti erlangt zu haben bedeutet, sich seiner inneren spirituellen Wirklichkeit bewusst zu sein. Der Yogi mag sich zwar immer noch in der Welt von Raum und Zeit befinden und von den Gesetzen, die dort herrschen, berührt werden. Doch weil er sich der transzendentalen Wirklichkeit völlig bewusst ist und sie als Urgrund in allem erkennt, was ihn umgibt, ist er nicht mehr länger an das samsara gebunden. Der Jnani-Yogi, der mukti erlangt, fühlt sich am Ende seiner Ziele angelangt. Er ist voller Erkenntnis über sein spirituelles Sein und erfährt die Freude der Einheit mit dem alles durchdringenden, formlosen, allem innewohnenden göttlichen Prinzip - dem brahman. Der Bhakti-yogi erfährt die Stufe der mukti anders. Seine Sehnsucht liegt darin, mit dem Ursprung aller Existenz und aller Liebe eine liebevolle Beziehung leben zu können. Auf der Stufe der mukti hat er nun eine Ebene erlangt, auf der seine Widmung, seine liebevolle Hingabe völlig rein ist. Deshalb ist für den Bhakti-Yogi bereits der Weg das Ziel: er versucht einfach auf jeder Stufe sich liebevoll dem Schöpfer, der Schöpfung und den Geschöpfen zu widmen - ganz unabhängig davon, ob er sich immer noch im samsara befindet oder bereits die Stufe der
mukti erlangt hat.
In der vedischen Philosophie ist die Reinkarnationslehre mit der Atma-Lehre (Seelenlehre) und der Karma-Lehre (das Tun und seine Rückwirkung) untrennbar verbunden. Diese Verbundenheit umgibt das Leben des Menschen wie ein Netzwerk und verknüpft sein Handeln in der Zeit. Jeder Jetzt-Augenblick ist mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft verbunden. Eine bestimmte Lebenssituation wird darin nie nur als eigenständiger Punkt gesehen. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die Linie, die aus vielen solcher Punkte besteht. Hier erwächst das Verständnis der Reinkarnation als Schule des Lebens. Das Ziel dieser Schule liegt in der Selbsterkenntnis. Gemeint ist damit nicht bloss eine Erkenntnis in der dualen Welt als Mensch, der seine bestimmten Eigenschaften, Schwächen, Stärken und Vorlieben erfahren und leben will. Gemeint ist die Erkenntnis der eigenen nicht-dualen Wirklichkeit, des spirituellen Selbst.
Aham brahmasmi: Ich bin Brahman, lautet einer der grossen Lehrsätze aus den Upanishaden. Er weist auf die eigenschaftsmässige Identität des Selbstes mit der spirituellen Wirklichkeit hin, die der Urgrund aller materiellen Form und Erscheinung ist. Durch dieses Verständnis finden zahlreiche weitere Ebenen der Verbundenheit ihren Ausdruck.
Einerseits ist es die Verbindung der höheren (bewussten) und niederen (unbewussten) Energie zu einer Persönlichkeit (Verkörperung). Erkennt der Mensch sich nur als Mensch, schliesst er sein spirituelles Selbst aus. Er verneint es und lebt in einer Täuschung (maya), wie es der Veda nennt. Sein Bewusstsein (die höhere Energie) ermöglicht es ihm, sich der irreführenden Täuschung hinzugeben, die niedere Energie, welche von vergänglicher, unbewusster, bedingter Natur ist, als die zugrundeliegende Wirklichkeit der Existenz zu betrachten. Gleichzeitig verneint er die unabhängige höhere (bewusste) Energie und betrachtet sie lediglich als zeitweiliges Produkt der Materie. Die vedische Reinkarnationslehre bejaht und verbindet jedoch sowohl die höhere als auch die niedere Energie, indem sie vom atma (dem spirituellen Selbst) spricht, das sich in der Materie verkörpert und für bestimmte Zeit eine Einheit bildet.
Auch in der Beziehung unter den Lebewesen schafft dieses Verständnis eine Verbundenheit. Physisch mögen die Lebewesen sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden, in verschiedenen Familien, Ländern, Rassen, ja sogar Lebensformen geboren sein. Doch dadurch dass die Seelenlehre (Lehre vom Atma) die Natur (das Selbst) jeden Lebewesens als von derselben qualitativen Spiritualität beschreibt, die aus demselben spirituellen Ursprung stammt, werden alle zu einer grossen Familie von Brüdern und Schwestern vereint.
In diesem letzten Verständnis schwingt auch die Verbundenheit zum Ursprung (Gott) mit. Die Verbundenheit mit diesem ist eine natürliche, da das Selbst eines jeden Lebewesens von derselben geistigen Natur ist. Unser Bewusstsein verschafft uns zwar die Freiheit, diese Verbundenheit zu erkennen und zu leben -, oder sie zu negieren und uns ausschliesslich auf den physischen, zeitweiligen Aspekt unserer Persönlichkeit zu konzentrieren. Doch diese Abtrennung vom spirituellen Urgrund bezeichnet die Veda-Lehre lediglich als im Vorstellungsvermögen der Lebewesen wirklich, während in der realen Wirklichkeit diese Verbundenheit zwischen Atma und Ursprung (Paramatma: die Quelle aller Atmas) immerwährend besteht.
In der Auseinandersetzung mit dem Konzept der Reinkarnation begegnet der Yogi auch Themen der Ethik und Weltanschauung. Aus dem Verständnis der Einheit aller Lebewesen und der irdischen Existenz als Lebensschule wiegt beispielsweise der Ratschlag: Behandle alle so, wie du selbst behandelt werden möchtest. schwerer als für gewöhnlich, da jedes Tun unvermeidlich mit einer Rückwirkung auf sich Selbst verknüpft ist.
Ökologische Probleme sind auf der Grundlage dieses Denkens nicht einfach damit gelöst, dass sie auf spätere Generationen oder entfernte Gebiete abgewälzt werden. Die reichen Industrienationen müssten sich jetzt und hier für die Entsorgung von Gift- und Atommüll verantwortlich zeigen, und könnten diese Bürde weder der Dritten Welt noch späteren Generationen auferlegen. Während der Mensch heute Zerstörung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, da er im Moment seiner Entscheidung nur die daraus erwachsenden Annehmlichkeiten erfährt und nicht direkt von den negativen Folgeerscheinungen betroffen ist, weist die Reinkarnationslehre auf die Auswegslosigkeit solchen Tuns hin. Ein Mensch, der davon überzeugt ist, dass alles, was er anderen tut, er sich letztlich selbst zuführt, wird mit Sicherheit in vielen Punkten umdenken.
Es ist kein Zufall, dass in der vedischen Kultur mit dem Reinkarnationsverständnis auch der Vegetarismus verankert ist. Tiere sind darin nicht einfach seelenlose Kreaturen, deren Tod ohne Not in Kauf genommen werden könnte. Zwar wird dem Umstand, dass in dieser Welt sich ein Geschöpf vom anderen ernährt, Rechnung getragen. Der Mensch hat somit das Recht, ein Tier zu töten, wenn es die Erhaltung der eigenen Existenz nötig macht. Dies kann jedoch nicht soweit gehen, dass der Mensch anderen Lebewesen ihre geistige Natur absprechen könnte. Das universelle Prinzip der Brüderlichkeit, das dem vedischen Reinkarnationsverständnis zu Grunde liegt, wird grob verletzt, wenn Tiere in zahllosen Tierversuchen und Massenschlachtungen gequält und getötet werden.
Unter dem Aspekt des Lebens als geistige Existenz und dem Aspekt des irdischen Daseins als Lebensschule erfährt auch die Abtreibungsfrage eine neue Beantwortung. Zum einen entsteht Bewusstsein laut der Atma-Lehre nicht erst in einem bestimmten Moment der Zellverbindung. Daher kann bei einer Abtreibung im Frühstadium einer Schwangerschaft auch nicht davon gesprochen werden, es handle sich lediglich um Zellgewebe ohne Empfindung und Wahrnehmung, das aus dem Uterus entfernt werde. Menschen, die sich in einer Art Rückerinnerung an die Zeit der Zeugung zu erinnern glauben, sind nicht selten. Solche Zeugnisse sind sowohl in der älteren Literatur als auch in neuerer Zeit im Zusammenhang mit hypnotischen Rückführungen zu finden. Auf der Grundlage des vedischen Verständnisses ist dies nicht ungewöhnlich. Hier wird die Wahrnehmung dem Bewusstsein zugeschrieben. Das Bewusstsein existiert bereits vor der Geburt und geht erst bei der Zeugung eine physische Verbindung mit dem Samen ein, in deren Folge es ihm möglich wird, noch andere Formen der Wahrnehmungen (z. B. durch Nerven, Sensoren usw.) zu haben.
Nicht weniger schwer in dieser Frage wiegt der Aspekt der Lebensschule. Das Argument, sowohl dem werdenden Leben als auch der Familie sei unter bestimmten Umständen ein Leben nicht zumutbar, greift hier ins Leere. Der Wert eines Lebens wird nicht dadurch gemindert, dass eine Behinderung vorliegt oder das soziale Umfeld der Eltern sehr problematisch ist. Auch problematische Lebensumstände können den entsprechenden Menschen in ihrem inneren Wachsen und Reifen helfen. Wer sich die Mühe macht, mit heute erwachsenen Menschen, die mit einer Erbkrankheit geboren wurden, über den Sinn ihres Lebens zu diskutieren, wird die Erfahrung machen, dass die Betroffenen nicht weniger froh als gesunde Menschen sind, ihr Leben behalten zu haben und es heute führen und in ihrem Sinn erfüllen zu können. Lebensüberdruss oder keinen Sinn im Leben zu haben, können nicht einfach an schweren Erbkrankheiten oder sozialer Armut gemessen werden. Die jährlich über 1500 Selbstmorde in einem Wohlstandsland wie der Schweiz lassen dies sehr deutlich zu Tage treten. So steht der Wert eines Lebens viel eher damit in Zusammenhang, was jeder selbst daraus macht. Wir haben dementsprechend nicht das Recht für einen Dritten zu entscheiden, ob es für ihn wert ist, sein Leben zu leben oder nicht. Stellvertretend für viele Menschen, die trotz schwerster Behinderung ein sinnvolles Leben führen, soll hier ein Zitat des bekannten Physikers Stephen W. Hawking stehen: Als ich entdeckte, dass ich unter amyotropher Lateralsklerose leide, war es ein grosser Schock für mich ... Meine Träume waren damals ziemlich wirr. Bevor meine Krankheit erkannt worden war, hatte mich mein Leben gelangweilt. Nichts schien mir irgendeiner Mühe wert zu sein. Doch kurz nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, träumte ich, ich solle hingerichtet werden. Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde. In einem anderen Traum, der sich mehrfach wiederholte, opferte ich mein Leben, um andere zu retten. Wenn ich schon sterben musste, konnte ich wenigstens noch etwas Gutes tun. Aber ich bin nicht gestorben. Trotz des dunklen Schattens, der über meiner Zukunft lag, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass ich das Leben jetzt mehr genoss als früher. (Stephen W. Hawking, Ist alles vorherbestimmt?, S. 113 - 117, Rowohlt 1996)
Angesichts der geistigen Verwandtschaft aller Lebewesen haben auch Rassimus und Krieg einen schweren Stand. Der Mensch mag sich zwar aufgrund seiner Geburt und Herkunft mit bestimmten Menschen und Kulturen mehr verbunden fühlen als mit anderen. Doch da er dieselbe geistige Natur seines Wesens auch jedem anderen Lebewesen zugesteht, legt er den Grundstein zu einer Beziehung, in der die geistige Verwandtschaft schwerer wiegt, als irgendwelche Unterschiede auf einer äusserlichen Ebene, wie etwa der Rasse oder Hautfarbe, der Nationalität oder dem Geschlecht. Sobald das praktische Leben den Yogi dahin führen, zwischen Lebewesen und Lebensumständen (Einflüssen) zu unterscheiden, wird er dies anhand von moralischen und ethischen Kriterien tun, indem er die Eigenschaften einer Situation oder eines Menschen in Betracht zieht, also etwa wie selbstlos, wohlgesinnt, hilfreich oder wie rücksichtslos, ausbeuterisch, zerstörerisch diese sind.
Im vedischen Reinkarnationsverständnis wird auch die Frage nach dem Sinn des Lebens neu gestellt. Das geflügelte Wort: Jedes Leben hat den Sinn, den man ihm gibt behält vorerst seine Geltung. Ob es nun der Geschäftsmann ist, dessen gesamtes Leben in den Bahnen von Geld, Macht und Ansehen verläuft, ob es der Geniesser ist, der alles erleben will, weil er angeblich nur einmal lebt, ob es der Forscher ist, der in dem weiterlebt, was er an nächste Generationen weitergibt oder ob es der philosophische Sucher ist, der dem Ursprung und dem Sinn seines Lebens nachspürt. Sie alle geben ihrem Leben (dem Punkt) einen bestimmten Sinn. Doch nun wechselt die Sicht und zieht auch die Linie in Betracht, zu der dieser eine Punkt, dieses eine menschliche Leben gehört. Diese Linie zeigt die Entwicklung des Lebewesens durch viele unterschiedliche Geburten und Erfahrungen auf. Unabhängig von der individuellen Sinngebung des Einzelnen kommt daher den Erfahrungen eine Sinnfindung zu, welche den begrenzten Rahmen eines Lebens sprengt und sich mit dem unbegrenzten spirituellen Aspekt verknüpft. Wie ein Strom unweigerlich dem Meer zufliesst, führen auch alle irdischen Erfahrungen in dieser Welt das Lebewesen letztlich an den Punkt, da es seiner spirituellen Natur gewahr wird - weil dies die natürliche Entwicklung ist, die dem Atma (dem spirituellen Selbst) innewohnt. Wieviele Probleme und Schwierigkeiten wir uns auf diesem Weg aufladen und wie viele Windungen wir unseren Weg machen lassen, liegt jedoch bei uns.
Geburt und Tod sind für den Yogi lediglich zwei Seiten derselben Medaille: der physischen Existenz. So betrachtet ist der Tod genauso Bestandteil des Lebens wie die Geburt. Von der Natur so eingerichtet, veranlasst der natürliche Lebenserhaltungstrieb jedes Lebewesen, gut auf seinen Körper zu achten und vor dem Tod zu schützen. Wenn für den Yogi jedoch der Moment des Todes kommt, wird er dies nicht als sein Ende betrachten, das unter allen Umständen herausgezögert und bekämpft werden müsste. Vielmehr ist es ein Übergang, der zu neuen Erfahrungen führt. So nimmt die Lebensschule ihre Fortsetzung und gibt dem Lebewesen immer von neuem Gelegenheit, sowohl seine Wünsche zu leben, als auch einen inneren Prozess der Reife und Läuterung zu durchwandern.
Reinkarnation
Karma
Leib und Seele (3.4. des Seminars)
"Meine Position ist diese. Ich glaube, dass meine persönliche Einzigartigkeit, das heisst mein eigenes erlebtes Selbstbewusstsein, durch diese auftauchende Erklärung des Beginnens zu sein meines eigenen Ich, nicht erklärt wird. Es ist die erlebte Einzigartigkeit, die so nicht erklärt wird. Genetische Einzigartigkeit wird nicht genügen. Es kann behauptet werden, dass ich meine erlebte Einzigartigkeit besitze, weil mein Gehirn durch die genetischen Instruktionen eines ganz einzigartigen genetischen Kodes gebaut ist, meines Genoms mit seinen etwa 30000 Genen (Dobzhansky, persönliche Mitteilung), aufgereiht auf der ungeheuren Doppelhelix der menschlichen DNS mit ihren 3,5 x 10 hoch 9 Nukleotidpaaren. Es muss erkannt werden, das mit 300000 Genen eine Chance von 10 hoch 10000 dagegen besteht, dass diese Einzigartigkeit erreicht wird.
Das heisst, wenn meine Einzigartigkeit des Ich mit der genetischen Einzigartigkeit, die mein Gehirn erbaute, verbunden ist, dann stehen die Chancen, dass ich in meiner erlebten Einzigartigkeit existiere, 10 hoch 10000 dagegen.
Dem Seher auf der Spur (4.4. des Seminars)
Canakya Pandit
Es ist für uns nicht erstaunlich, dass es Dinge gibt, die wir von blossem Auge nicht erkennen können. Einige Objekte sind so klein, dass wir ein Mikroskop benötigen, um sie zu sehen. Andere sind zu weit entfernt und wir greifen zum Fernrohr, um etwas zu erkennen. Auch Lichtwellen (ultraviolettes oder infrarotes Licht) und die Funkwellen der Fernsehstationen können wir nicht sehen. Doch wir können sie mit dem geeigneten Instrumentarium sichtbar machen. Wir haben die praktische Erfahrung gesammelt, dass es trotz unseres beschränkten Sehvermögens Mittel und Wege gibt, welche uns die Wahrnehmung der feinen oder nicht unmittelbar wahrnehmbaren Elemente dieser Welt ermöglichen.
Wieviel kostet Ihr Körper? (5.4. des Seminars)
Chanakya Pandita
Was meinen Sie? Klingt das so, als ob Sie das wären? Denken Sie einen Augenblick darüber nach. Sie haben gerade von Dr. Monsen bestätigt bekommen, dass der Körper hauptsächlich aus Wasser besteht. Doch wenn Sie darüber nachdenken, wer Sie sind, wenn Sie über sich selbst, über Ihre Identität nachdenken, denken Sie dann an Wasser? Sie haben im Laufe Ihres Lebens viel Wasser getrunken und genausoviel wieder ausgeschieden. Wasser kam und ging - doch Sie sind immer noch hier. Wer ist dieses Sie?
Reinkarnation (6.4. des Seminars)
einen anderen Halm ergreift und sich zu ihm hinüberzieht,
so ergreift die Seele, wenn sie den Körper abgeworfen hat,
einen andern Körper und zieht sich zu ihm hinüber."
Brihadaranyaka Upanishad 4.4.3
Während der Rig-Veda in zahlreichen Hymnen- und Opfergesängen für die Devas widerhallt (erleuchtete Wesen, in gewissem Sinne vergleichbar mit dem westlichen Begriff Engel), erblüht in den Upanishadentexten das philosophische Verständnis von der Welt, dem Leben und dem Tod. Die Texte sind nicht leicht zu verstehen, denn selten fällt die Aussage so deutlich aus, wie die Frage. Ein kurzer Ausschnitt einer Unterhaltung zwischen Artabhaga und Yajnavalkya (Brihadaranyaka Upanishad 3.2.11 ff) führt vor Augen, wie der Sucher in seinem Forschen beständig weiterfahren muss und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden geben darf, um immer weiter in ein tiefes Verständnis des Lebens eindringen zu können:
Yajnavalkya, wenn hier ein Mensch stirbt, was verlässt ihn nicht?
Der Name....
Yajnavalkya, wenn hier ein Mensch stirbt, ziehen die Hauche da aus ihm aus oder nicht?
Nein, sie fliessen in ihm zusammen, er schwillt an, bläst sich auf. Aufgeblasen liegt der Tote da.
Yajnavalkya, ... wo bleibt dann der Mensch?
Reiche mir deine Hand, lieber Artabhaga. Wir beide wollen darum allein wissen. Nicht gehört unser Wissen vor die Leute.
Samsara: Das vedische Verständnis der unaufhaltsamen Wanderung des Lebewesens durch unzählige Körper und Existenzen.
Wenden wir uns nun der Frage zu, was denn nun bei einer Wiederverkörperung überhaupt reinkarnieren kann! Die vedische Lehre der Seelenwanderung basiert auf dem Verständnis, dass die eigentliche Person, das ewige Selbst (atma), von zwei zeitweiligen Hüllen umgeben ist, dem physischen (grobstofflichen) und dem psychischen (feinstofflichen) Körper. Beim Tod verlässt das Selbst (die eigentliche Identität) immer noch verbunden mit der feinen psychischen Hülle, den physischen Körper. Tod bedeutet, dass die grobe Hülle (der physische Körper) nicht mehr zu benutzen ist, ähnlich einer Maschine, die ihren Dienst getan hat. Immer noch eingebettet in seine zweite feinere Hülle, den Wünschen und Begehren, Eindrücken und Erfahrungen der Vergangenheit, die sich zum psychischen Körper verdichtet haben, wechselt der Atma zu einem neuen physischen Körper. Im feinstofflichen Körper, sind dabei bereits die Vorgaben (Strukturen) zur Entwicklung des nächsten grobstofflichen Körpers enthalten, und zwar in der Form von karmischen Samen, den vasanas, auf die wir im Laufe dieses Kurses noch vermehrt zu sprechen kommen werden. Der Tod ist also lediglich die Auflösung, bzw. das Verlassen des grobphysischen Körpers, wenn das Karma, das zu diesem Körper führte, aufgebraucht ist.
Der Einfluss der Reinkarnationsidee (Reinkarnation, Ethik und Weltanschauung) (7.4. des Seminars)