In diesem Teil setzen wir uns mit verschiedenen körperlichen und spirituellen Aspekten der Ernährung und der Gesundheit auseinander. Wohlschmeckende vegetarische Mahlzeiten, vollkommen ausgewogene Ernährung und ein tiefes Verständnis für die spirituelle Beschaffenheit der Nahrungsmittel, die wir tagtäglich zu uns nehmen, werden miteinander verbunden und verhelfen zu einem glücklichen und gesunden Leben. Sie können Ihre Speisen geniessen und gleichzeitig Ihr spirituelles Verständnis entwickeln. So beenden wir jede Lektion mit einem einfachen und exquisiten vegetarischen Rezept. Wir beschränken uns dabei nicht auf ajurvedische Gerichte, da vor allem die Gewürze und Zutaten im europäischen Raum nicht so leicht zu erhalten und oft nicht vertraut sind. Stattdessen legen wir eine Auswahl an Rezepten vor, die dem Massstab einer ausgewogenen gesunden Ernährung entsprechen.
Ein weiterer Schwerpunkt bildet die ajurvedische Medizin. Der Ayur-Veda ist die vedische Wissenschaft vom Leben. Er umfasst Themenbereiche wie Biologie, Botanik, Kräuterkunde, Anatomie, Ernährung, Hygiene, Medizin und Chirurgie. Die verschiedenen Heilmethoden helfen uns dabei, unseren Körper besser kennenzulernen. Obwohl der Veda den Körper als eine blosse zeitweilige Hülle bezeichnet, kommt ihm grosse Bedeutung zu, denn er wird auch als Tempel Gottes behandelt. Im Laufe der einzelnen Lektionen werden wir auf verschiedene gesundheitliche Aspekte eingehen. Wer sich jedoch weiter in bestimmte ayurvedische Methoden vertiefen will, sollte dies in einem speziell darauf ausgerichteten Kurs tun. Der Ayur-Veda ist ein sehr komplexes Heilsystem, dessen vertiefte Anwendung nur im eingehenden Studium erlernt werden kann.
Der medizinische Wissenszweig des Veda wurde ursprünglich von Sri Dhanvantari offenbart, dessen Erscheinung als Verkörperung des höchsten Wesens gepriesen wird. Seine tiefgründige und exakte Sicht des Lebens, die sowohl zweckdienlich als auch einfach ist, beeindrucken tief. Es heisst, dass im Ayur-Veda ursprünglich 16 Teile enthalten waren. Doch nur einer ist heute davon übriggeblieben. Es wird weiter berichtet, der grosse Weise Atreya Rsi habe die ayurvedischen Kenntnisse an die Weisen von Naimisharanya (einem Wald im heutigen West-Bengalen) weitergegeben. Im Laufe der Zeit seien diese mündlichen Überlieferung von vielen Autoren in mehreren Zeitaltern zusammengestellt und niedergeschrieben worden. Die Sarak Samhita und die Susruta Samhita gelten als die ältesten autorisiertesten Zusammenfassungen.
Der Veda liefert uns eine komplette Beschreibung der Ernährungswissenschaft. Nicht genug damit, geht er über das Wissen um eine gesunde Ernährung hinaus -, immerhin wissen auch die Tiere, was sie essen müssen, um gesund zu bleiben -, und zeigt auf, wie der Vorgang des Essens in eine spirituelle Handlung gewandelt wird, wenn die auf Genuss abzielenden Tätigkeiten in ein Opfer für den Höchsten gewandelt werden. Obschon diese Kunst höchst einfach ist, denken die fortgeschrittenen Yogis nicht einmal im Traum daran, dieses Opfer zu unterlassen. Bei der Zubereitung der Speisen besinnt sich der Yogi an den Ursprung der Zutaten und weckt in sich ein Gefühl der Dankbarkeit für den Schöpfer, der für alle Lebewesen gesorgt hat. Diese gedankliche Versenkung wirken sich harmonisierend und läuternd auf sein Bewusstsein aus.
Im Laufe des Lebens eines Menschen unterliegt der Körper grundlegend vier Leiden: der Geburt, dem Alter, der Krankheit und dem Tod. Der Ayur Veda widmet sich hauptsächlich dem Thema Gesundheit, und ist darauf ausgerichtet, ein Gleichgewicht der Kräfte im Organismus herzustellen.
Ayur Veda ist das traditionelle Heilsystem sowohl im alten als auch im modernen Indien. Seine Wurzeln liegen im Veda: Ayu bedeutet leben und veda heisst Wissen, was ihm den Namen die Wissenschaft des Lebens oder das Wissen vom langen Leben einbringt. Der Zweck dieser Wissenschaft liegt darin die Gesundheit des Gesunden zu erhalten und den Kranken zu behandeln. In diesem Kurs werden wir Ihnen nur einige wenige Grundprinzipien vorstellen können, die Ihnen helfen, die Körperfunktionen und die Wirkung verschiedener Diäten und Hausmittel besser zu verstehen. Wenden Sie sich bei ernsten Krankheiten jedoch auch immer an Ihren Hausarzt.
Der Ayur Veda beschreibt ein gesamtheitliches Heilsystem, das physische mit metaphysischen Aspekten verbindet. Zur Erhaltung der Gesundheit wird nicht nur auf eine umfassende Heilmittelkunde zurückgegriffen, sondern auch der Lebensrhythmus, eine gesunde Lebensführung, geistige Ausgeglichenheit und eine spirituell ausgerichtete Lebensgestaltung miteinbezogen. Die therapeutischen Methoden sind äusserst vielfältig und beinhalten Kräuter- und Arzneimittelkunde, Physiotherapie, Massagen, Diätkuren, Ernährungstherapien, Chirurgie, Psychiatrie, Mantrameditationen sowie verschiedene Yogatechniken. Unter dem Eindruck der umfassenden Anwendungen und der langen Tradition auf welche das ayurvedische Heilsystem zurückgreifen kann, bemerkte der frühere britische Gouverneur Lord Ampthill: Die Menschen Indiens waren zu einer Zeit, da Europa sich noch in unwissender Wildheit befand, bereits mit einer heilenden und vorsorgenden Medizin vertraut ... Das von Indien ausgehende medizinische Wissen gelangte zunächst nach Arabien und später bis nach Europa.
Diagnose und Therapie des Ayur Veda gründen auf dem System der drei Grundelemente, die im Körper wirken: Vata, Pitta und Kapha, welche mit dem Begriff tri-dosha zusammengefasst werden. Manchmal werden diese drei Begriffe mit Luft, Galle oder Feuer und Schleim übersetzt, die in unserem Körper stark vertreten sind. Treffender können diese Begriffe als Grundenergien (doshas) bezeichnet werden, welche diese Elemente im Körper erzeugen, verteilen und ihn so gesund erhalten. Krankheiten werden auf einen Verlust des Gleichgewichtes zwischen diesen drei Grundenergien zurückgeführt: der Nervenenergie (vata), der katabolischen (den Abbaustoffwechsel betreffenden) Feuerenergie (pitta) und der anabolischen (den Aufbaustoffwechsel betreffenden) Nährenergie (kapha).
Als Zentrum des Körpers wird der Magen betrachtet, da er die Speisen empfängt, welche er in Nahrung für die doshas aufspaltet. Unsere Ess- und Schlafgewohnheiten wirken sich dementsprechend stark auf unsere Gesundheit aus. Unsere Doshas werden in ein Ungleichgewicht gebracht, wenn wir zuviel, zuwenig, zu falschen Zeiten oder in unvorteilhaften Umständen essen und schlafen. Die Bhagavad-gita weist darauf hin: Weder sehr viel Essen noch vollständiges Fasten gibt es beim Ausüben von Yoga, auch kein übermässiges Schlafen oder ununterbrochenes Wachsein, o Arjuna. Für jemanden, der angemessen isst und schläft, arbeitet und ruht, wird der erziehende Vorgang des Yoga zum Zerstörer all seiner Leiden.
Zuviel zu essen oder zu schlafen wird athiyoga genannt. Wir alle werden die leidvollen Auswirkungen solchen Tuns bereits am eigenen Körper erfahren haben. Zuwenig zu essen oder zu schlafen wird henayoga genannt. Wenn wir unser natürliches Bedürfnis an Essen und Schlafen künstlich erhöhen oder vermindern, bringen wir dadurch das Gleichgewicht unserer doshas durcheinander und erhöhen so die Erkrankungsgefahr. Die natürlichen körperlichen Bedürfnisse in der falschen Weise zufriedenzustellen, wird mithyayoga genannt. Zum Beispiel zur falschen Tageszeit oder unter schlechten Bedingungen zu essen oder zu schlafen. Die richtige Art körperliche Bedürfnisse zu stillen, nennt der Ayur Veda samayoga. Hierfür finden sich im Veda verschiedene Grundregeln.
Es wird empfohlen, die Hauptmahlzeit um die Mittagszeit einzunehmen. Ähnlich wie die Kraft der Sonne am stärksten zu spüren ist, wenn sie den höchsten Punkt am Horizont erreicht, ist auch das Verdauungsfeuer (jataragni) um die Mittagszeit am stärksten. Zu dieser Zeit kann selbst ein sehr üppiges Mahl vollständig verarbeitet und verdaut werden, wenn der Magen nicht zu mehr als zwei Dritteln gefüllt ist. Am Morgen sollte der Magen indessen nie zu mehr als einem Drittel gefüllt sein und vorzugsweise Nahrungsmittel eingenommen werden, die im Magen nicht ein Schweregefühl hinterlassen. Dasselbe gilt für den Abend. Gemäss dem Ayur-Veda sollten wir höchstens dreimal täglich essen, möglichst in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
Die Masslosigkeit beim Essen gehört zweifellos zu den Hauptursachen vieler Zivilisationskrankheiten. Auch zu wenig zu essen verursacht Störungen der doshas, nämlich des vata-doshas. Doch wer sich überisst, erfährt die Wirkung augenblicklich und zwar in allen doshas. Wir alle haben sicherlich bereits selber die Erfahrung gesammelt, wie schwer, benommen und kraftlos wir uns nach einer zu üppigen Mahlzeit fühlen. Als Gegenmittel empfiehlt sich, mit der nächsten Mahlzeit zuzuwarten. Auf diese Weise wird dem Verdauungsfeuer mehr Zeit gegeben, das Übermass an Essen zu verarbeiten. Dennoch wird der Körper dadurch belastet, und wer die Wartezeiten zwischen dem Essen nicht ausdehnt, nimmt an Gewicht zu und belastet seinen Körper dadurch doppelt. Essen, das vollständig verarbeitet und verdaut werden konnte, wird vom Körper aufgenommen. Doch wenn wir essen, bevor die frühere Mahlzeit verdaut ist, nimmt das unverdaute Nahrungsmittel in Magen und Zwölffingerdarm eine andere Qualität an. Der Ayur Veda beschreibt, dass solche unverdaute Nahrungsbestandteile (am) sowohl Stoffaustausch als auch Verdauung stören. Sie fermentieren und je länger sie im Körper verbleiben, desto toxischer werden sie. Diese übermässige Nahrungsmittelzufuhr führt die Liste der Ursachen für Störungen in den doshas an. Wenn sich in am umgewandelte Nahrung im Verdauungstrakt befindet, kann jedes beliebige dosha in irgendeinem Teil des Körpers davon betroffen sein. Deshalb gehört massvolles Essen zu den wichtigsten Massnahmen, um Krankheiten vorzubeugen.
Der Körper ist eine Gesamtheit mit dem Magen in seinem Zentrum. Von diesem Zentrum dehnt sich alles in Form von Wellen oder Schwingungen aus. Massvolle, individuell gesunde Nahrung vermittelt dem ganzen Körper Harmonie.
Überlegungen zur menschlichen Ernährung (3.7. des Seminars)
Nichts wird die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt
Idealerweise sollte die Ernährung jedes Lebewesens mit seiner körperlichen Konstitution und seiner spezifischen Umgebung übereinstimmen. In unserer Umwelt können wir beobachten, wie die verschiedenen Lebewesen entsprechend ihren Lebensräumen verschiedenartige physiologische Körpersysteme aufweisen. Der menschliche Ernährungsorganismus ist sehr anpassungsfähig, was dem Menschen erlaubt, alles für ihn Essbare ob tierischer oder pflanzlicher Herkunft zu verzehren, bevor er hungert oder gar verhungert. Aufgrund dieser Fähigkeit wird der Mensch oft als Allesesser (Omnivora) angesehen. Im Gegensatz zum Menschen ähneln jedoch die Körpervorgänge bei typischen Vertretern der Allesfresser (z. B. Bären, Ratten oder Koyoten) weitgehend derjenigen der Fleischfresser. Nicht nur fehlt dem Menschen die körperliche Notwendigkeit für den Fleischverzehr, sondern seine anatomischen und physiologischen Eigenschaften betonen die pflanzliche Ernährung und bieten lediglich die zusätzliche Möglichkeit, in Notsituationen auf tierische Nahrung zurückzugreifen. Der Vergleich der anatomischen und physiologischen Unterschiede zwischen Pflanzenfressern (Herbivoren) und Fleischfressern (Carnivoren) entscheidet die Frage nach der artgerechten Ernährung des Menschen denn auch eindeutig zu Gunsten einer vegetarischen Ernährung.
Maul- bzw. Mundöffnung
Der Pflanzenfresser verfügt über kleine Öffnungen, die Hautfalten oder Backentaschen aufweisen.
Der Fleischfresser weist weite Mundöffnungen auf, die teilweise bis zum Kiefergelenk reichen. Bei der Jagd ist diese Eigenschaft für ihn unentbehrlich, um ein Tier zu reissen und es mit einem Nacken oder Kehlenbiss zu töten.
Der Pflanzenfresser kann den Unterkiefer senkrecht und waagrecht bewegen und verfügt über Schneidezähne zum Abbeissen und Backenzähne zum Mahlen. Beim Kauen stellt sich eine grosse Speichelsekretion ein, welche die Nahrung in einem ersten Vorgang aufweicht. Der Speichel ist alkalisch und enthält stärkeabbauende Enzyme (Amylase, Ptyalin), welche die reichlich enthaltene Stärke in pflanzlicher Nahrung abbauen und sich so vorverdauend auswirken. Diese typischen Merkmale für Pflanzen- und Getreidefresser weist auch der Mensch auf.
Der Fleischfresser verfügt über mächtige Kiefer und Reisszähne, die geradezu ideal sind, zähe Haut, Knochen und Muskeln zu brechen und auseinanderzureissen. Die Kaukraft eines grösseren Fleischfressers liegt bei etwa 500 kg (beim Menschen etwa 15 kg). Kaufähigkeit und Schluckmechanismus sind wenig ausgebildet, so dass er die Nahrung herunterschlingt und sie im Magen verdaut. Dementsprechend gering ist seine Speichelsekretion, die zudem sauer ist und keine Speichelenzyme aufweist-.
Der Pflanzenfresser weist nur eine schwache Magensäuresekretion auf. Das Nahrungsmittel verweilt zur Verdauung relativ lange in Magen und Darm. Der Darm eines Menschen beträgt etwa das zwölffache seiner Körperlänge und weist verschiedene Muskelfasern (Tänien und Haustren) auf, die zeitweise Gärkammern zum Abbau unverdaulicher Nahrungsbestandteile bilden können. Diese Tänien sind ein typisches Merkmal von Pflanzenfressern und Allesfressern mit überwiegend pflanzlichem Ernährungsanteil.
Die Magensäuresekretion beim Fleischesser ist sehr stark und enthält 10 - 20 x mehr Pepsin und Salzsäure. Der Darm ist sehr kurz, etwa das drei- bis vierfache der Körperlänge. So kann das Fleisch schnell verdaut und ausgeschieden werden, was ein notwendiger Faktor ist, denn es zersetzt sich schnell und erzeugt Fäulnisprodukte der Verwesung, die ins Blut übergehen. Ein kurzer Verdauungstrakt ermöglicht ein schnelles Ausscheiden der Giftstoffe des Fleisches. Dementsprechend ist die Darmoberfläche glatt und der Dickdarmmuskel weist keine Tänien und Haustren auf.
Der Pflanzenfresser produziert in der Leber keine Urikase zum Harnsäureabbau, die Nieren scheiden nur die vom Körper selbst erzeugte Harnsäure aus. Der Urin ist basisch und riecht nicht sehr stark. Weitere Ausscheidung zur Reinigung und Kühlung findet über die Hautporen statt. Die menschliche Haut besitzt beispielsweise etwa 3 Mio. Poren, welche die Haut durch Schwitzen kühlen.
Der Fleischfresser erzeugt Urikase zum Harnsäureabbau und seine Nieren scheiden 10 -15 x mehr Harnsäure aus als der Mensch. Der Urin ist sauer und riecht stark. Im allgemeinen fehlen die Schweissdrüsen zur Reinigung der Haut, so dass die Blase die Funktion der Schweissabsonderung übernimmt. Zur Kühlung und Wärmeabgabe dient die Zunge, Hautporen sind nicht vorhanden.
Mensch und Pflanzenfresser weisen kein körpereigenes Vitamin C auf, während Fleischesser über eine körpereigene Vitamin C Produktion verfügen.
Yoga und Vegetarismus (4.7. des Seminars)
Ähnlich wie der Veda nicht dieselbe Ethik und Moral für alle Menschen vorsieht, sondern Pflichten und Verantwortlichkeiten entsprechend der Individualität des Einzelnen unterscheidet, unterteilt er auch die Nahrung. Nicht jede Nahrung ist für jeden dienlich. Dies trifft sowohl auf die Dosha-Lehre des Ayur Veda zu, auf die wir in späteren Kapiteln noch näher eingehen werden, als auch in Bezug zum Vegetarismus.
In der vedischen Kultur war ein Krieger (kshatriya) beispielsweise nicht dem Vegetarismus verpflichtet. Der Begriff kshatriya leitet sich aus den Wurzeln kshat (Verletzung) und trayate (Schutz gewähren) ab. Der Kshatriya steht daher für das Prinzip, Schwächeren und Hilfesuchenden Schutz vor Verletzung zu gewähren. Um dieses Prinzip erfüllen zu können, durfte und musste er wenn nötig Gewalt anwenden, um noch mehr Gewalt verhindern zu können. Er musste mit anderen Worten auch töten können, wenn es erforderlich sein sollte. Im Kampf mit den wilden Tieren des Dschungels übte der Krieger deshalb die Fähigkeit zu töten, seinen Mut und seine Geschicklichkeit. Dies erinnert an eine Praxis, wie sie auch von afrikanischen Ureinwohnern bekannt ist. In manchen Stämmen musste ein Jüngling, der in den Stand der Männer aufgenommen werden wollte - der Krieger und Jäger, welche für die Sicherheit und Erhaltung des ganzen Dorfes verantwortlich waren -, sich allein dem Kampf mit einem Löwen stellen und diesen erlegen. Ein Unterfangen, das sehr leicht tödlich für den jungen Mann enden konnte.
Dem Kshatriya war es auch gestattet, das Fleisch der erlegten Tiere zu verzehren, da dadurch Instinkte in ihm angesprochen wurden, die für seine Gefährlichkeit als Krieger förderlich waren. Dem Krieger jedoch, dem es zugleich um Yoga ging, wurde der völlige Fleischverzicht empfohlen. Im Mahabharata (Anusana-parva, 114.11) belehrt der grosse Krieger Bhishmadeva den ältesten der Pandava Brüder, Yudhisthira, nur ein Mensch mit üblem Wesen esse das Fleisch der Tiere, das wie das Fleisch eines Sohnes sei. Der Veda lehrt, dass in den Zugeständnissen (Fleisch essen, Wein trinken, mit mehreren Frauen verheiratet zu sein, Glücksspiel), die einem Kshatriya hinsichtlich seiner spezifischen Aufgabe in der Gesellschaft gemacht wurden, zugleich die grösste Gefahr für ihn lag. Ein Kshatriya der dem Bann dieser Tätigkeiten verfiel, würde in seiner inneren Entwicklung zurückfallen.
Auch hierfür finden wir in anderen Kulturen Parallelen. So war es bei einigen nordischen Nomaden üblich, dass ein Fest veranstaltet wurde, wenn ein Jäger einen Bären erlegen konnte. In diesem Fest wurde auch das Tier geehrt und der Jäger dankte dem Bären für sein Leben und sein Fleisch, das seiner Sippe Nahrung und Überleben sicherte. Gleichzeitig versprach er, dem getöteten Bären und dessen Sippe in einem nächsten Leben seinen Körper zu geben.
Der Fleischverzehr, so wie er heute praktiziert wird, hat ganz andere Formen angenommen. Blind gegenüber dem Tod und den Leiden der Tiere und ohne dass äusserlich an den eigenen Händen Blut kleben bleiben würde, wird Fleisch heute vakuumverpackt und steril in den überfüllten Auslagen der Grossmärkte angeboten. Es lässt die Massentierhaltungen und Massenschlachtungen vergessen, und wirkt sich deshalb auf das Bewusstsein des Normalverbrauchers abstumpfend aus, ohne dass der einzelne sich darüber gross Gedanken machen würde.
Der vedische Vegetarismus strebt genau eine entgegengesetzte Wirkung an. Er soll den Menschen bei seinem Streben nach Verwirklichung, innerer Reife und Harmonie unterstützen. In diesem System der Entwicklung eingebettet sind entsprechend der individuellen Reifestufen der unterschiedlichen Menschen Zugeständnisse für den Fleischverzehr, wie sie oben angesprochen wurden. Der vedische Vegetarismus ist deshalb nicht bloss eine bestimmte moralische Stufe (Verzicht auf Fleisch, Fisch und Eier), die es zu erreichen gilt, sondern als Yoga-Diät gedacht. Nebst den Auswirkungen auf die physische Ausgeglichenheit des Menschen wird das Augenmerk vor allem auf seine Entwicklung hin zur Erkenntnis der eigenen Spiritualität gerichtet, denn es gilt auch hier: Tätigkeiten werden zu Gewohnheiten und Gewohnheiten wirken sich auf die Charakterbildung aus. Die Erkenntnis der spirituellen Wesensgleichheit aller Geschöpfe und der sich daraus ableitenden Ehrfurcht und Verantwortung vor dem Leben des Einzelnen, zieht eine Milde und Rücksichtnahme nach sich, die im krassen Gegensatz dazu steht, einem Tier ohne eigene Not Leiden zu bereiten oder ihm das Leben zu nehmen. Die Manusmriti (5.49) fordert den Menschen deshalb auf, sich darüber bewusst zu werden, wovon er sich ernährt und daraus die Konsequenz zu ziehen: "Nachdem er gründlich über die Herkunft von Fleischspeisen und die Grausamkeit des Fesselns und Tötens körperlicher Wesen nachgedacht hat, sollte der Mensch keinerlei Fleisch mehr essen."
Fast ausnahmslos jeder Mensch wird die Anteilnahme, das Mitgefühl und die Zuneigung anderer als sehr positiv und angenehm für sich erfahren. Wer sich darüber hinaus einem Yogapfad zuwendet, sucht im allgemeinen nach innerer Harmonie, nach einem inneren Frieden. Ernährungsgewohnheiten, welche diesem Mitgefühl und der Harmonie entbehren, da sie ohne Zwangslage auf dem Leid und Blut anderer Geschöpfe beruhen, wirken sich jedoch nicht förderlich aus: weder auf die eigene Entwicklung eines universalen Lebensverständnisses und Mitfühlens, noch im Hinblick darauf, selber etwas erfahren zu dürfen, das man anderen verweigert. Im Hinblick auf den Vegetarismus Kompromisse einzugehen, kann den Tod für ein Tier bedeuten. Der Atharva Veda (19.48.5) kommt daher zu einer unmissverständlichen Feststellung: "Jene edlen Seelen, die Meditation und andere Arten von Yoga üben, die Rücksicht gegenüber allen Wesen walten lassen, die alle Tiere schützen - sie sind es, die geistige Übungen wirklich ernst nehmen."
Vegetarismus und die Bibel (5.7. des Seminars)
Oft wird gegen ethische und biologische Argumente für eine vegetarische Ernährung die Bibel ins Feld geführt. Etwa dass Jesus auch Fleisch gegessen habe oder das Tier dem Menschen als Untertan gegeben sei.
Ob Jesus Fleisch oder Fisch gegessen hat oder nicht, lässt sich historisch nicht mehr klären. Die heutigen Bibelauslegungen scheinen dies zweifelsfrei zu bejahen. Wer diese Thematik jedoch vertieft, wird feststellen, dass die Frage der Interpretation eine wichtige Rolle einnimmt. So wurden die griechischen Begriffe opsarion, broma, brosis, phago, brosimos, trophe, proshagon oft mit Fleisch oder Fisch übersetzt, obwohl sie Zubrot, Zuspeise oder auch Nahrungsmittel bedeuten. Bis heute berücksichtigen die gängigen Auslegungen dies nicht.
Selbst in Fällen, in denen falsche Auslegungen bereits zweifelsfrei geklärt sind, findet diese Erkenntnis keinen Einlass in die Bibelübersetzungen, wie das Beispiel des Johannesbrotbaumes zeigt. In Matthäus 3.4. wird beschrieben wie sich Johannes der Täufer in der Wüste von Heuschrecken ernährt. Zu dieser Fehlinterpretation führten zwei Umstände. Zum einen heisst Brotkuchen griechisch enkris und Heuschrecken akris. Zum anderen stellen die Blätter der Scheinakazie für Heuschrecken einen Leckerbissen dar und brachten ihr auch den lateinischen Namen locusta (englisch locust: Wanderheuschrecke) ein. Nun dienten die aus dem Mehl der Früchte der Lokuste hergestellten Brotkuchen Johannes als Nahrung, und verliehen dem Baum schliesslich auch den Namen Johannesbrotbaum. Carob- oder Johannesbrotmehl ist inzwischen auch hier in Europa überall bekannt, aber dennoch wird der menschliche Irrtum bei der Abfassung und Interpretation des Bibeltextes nicht korrigiert.
Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Fisch. In östlichen Ländern (Japan, islamische Länder) werden noch heute aus dem Mehl einer getrockneten Wasserpflanze, die als Fischpflanze bekannt ist, kleine Brötchen gebacken. Diese Brötchen gehörten bereits im alten Babylon zur täglichen Ernährung und galten auch zu Jesu Lebzeiten als Leckerbissen. Im bekannten Wunder der Speisung der Fünftausend, wird heute von Brot und Fischen gesprochen. Interessant ist jedoch, dass die frühen Manuskripte des Neuen Testamentes keine Fische, sondern Brot und Früchte erwähnen. Erst in späteren Manuskripten der Bibel (nach dem 4. Jahrhundert) ist von Fisch anstelle von Früchten die Rede. Tatsächlich wird der Begriff Fisch im Kodex Sinaiticus zum ersten Mal als Teil des Wunders aufgeführt.
Doch die Bibel ist nicht die einzige Quelle, die näheren Aufschluss über das Leben und die Lehre der Apostel und der ersten Christen geben können. Aus den Anfängen des Christentums sind Briefe, Chroniken und Predigten erhalten, in denen deutliche Hinweise zu finden sind, dass der Vegetarismus im frühen Christentum stark verbreitet gewesen ist.
Die nachfolgenden Zitate legen nahe, dass die Apostel den Verzehr von Fleisch grundsätzlich verurteilten haben. In den Pseudo-Klementinen werden Lehrreden zitiert die dem Apostel Petrus zugeschrieben werden. Unmissverständlich hält Petrus in Predigt XII fest: Das widernatürliche Essen von Fleisch ist ebenso vergiftend wie die heidnische Anbetung von Teufeln mit ihren Opferungen und unreinen Festen. Durch Teilnahme wird der Mensch zum Tischgenossen von Teufeln. Seine eigene Nahrung beschreibt Petrus darin mit den Worten: Ich lebe von Brot und Oliven, denen ich nur selten ein Gemüse zufüge. Clemens von Alexandrien, auf den wir noch zurückkommen werden, schreibt über Matthäus, er habe allein von Pflanzenspeisen gelebt und kein Fleisch berührt (Paidagogus II,1). Der Kirchenvater und Bischof von Cäsarea Eusebius (264 - 349) zitiert in seiner Kirchengeschichte (II,2,3) den Kirchenschriftsteller Hegesipp, wonach Johannes niemals Fleischkost genossen hat. In der gleichen Quelle wird Jakobus der Jüngere (genannt der Gerechte) als heilig von Mutterleib an beschrieben, der keine berauschenden Getränke nahm, noch etwas ass, das beseelt war (II,23,5.6). Jakobus war der Führer der ersten Christengemeinde in Jerusalem. Er gilt nach evangelischer Lehre als Bruder Jesu, nach katholischer Auffassung als Vetter Jesu. Und selbst von Paulus, der in der Bibel dem Menschen freie Wahl seiner Speisen lässt, ist im Toledoth Jeschu, einer Sammlung altjüdischer Quellen zum Leben Jesu, überliefert: Jesus befahl mir, dass ich kein Fleisch esse und keinen Wein trinke, sondern nur Brot, Wasser und Früchte, damit ich rein befunden werde, wenn er mit mir reden will. Dieser rote Faden des Fleischverzichts zieht sich von den Aposteln zu den frühen Kirchenvätern bis zu später entstandenen christlichen Ordensgemeinschaften.
So sind ähnlich klare Aussagen auch in den Schriften früher Kirchenschriftsteller und -väter zu finden. Tertullian (um 200) wird zu den ältesten Kirchenschriftsteller gezählt. Er teilt die Christen in zwei Gruppen: die wahren Christen, die sich des Fleisches enthalten und die Leiber ohne Seelen, welche Fleisch essen.
Klemens von Alexandria (150 - 215) ist der angesehene Gründer und Leiter der Katechetenschule in Alexandria. In seinem Werk Paidagogos bemüht er sich um eine Darlegung der christlichen Ethik. Darin spricht er sich für eine einfache Lebensweise aus und lehnt den Fleischverzehr ab (Paidagogos II).
Der Primas von Konstantinopel und grosse Prediger der griechischen Kirche Johannes Chrysotomus (345 - 407) stellt sogar fest, die christlichen Führer würden sich dem Fleisch von Tieren enthalten, um ihre Körper bezähmen zu können. Das Essen von Fleisch sei unnatürlich und vergiftend (Predigt 69 über Matth. 22. 1 - 4).
Ein lateinischer Kirchenlehrer, der den Fleischverzehr für den Menschen von verderblicher Wirkung hält, ist der heilige Augustinus (354 - 430). Er ist ab 395 Bischof von Hippo und auch von ihm ist überliefert, dass er sich von pflanzlicher Nahrung ernährte (Confessiones und de vera religione II).
Und noch einer der kenntnisreichsten unter den lateinischen Kirchenvätern, der heilige Hieronymus (347 - 419), spricht sich entschieden gegen den Fleischverzehr aus: Der Genuss von Tierfleisch war bis zur Sintflut verboten; seit der Sintflut aber gibt man uns die Nerven und den stinkenden Saft des Fleisches unter die Zähne, gleich wie man dem murrenden Volk in der Wüste Wachteln vorwarf. Jesus Christus, der am Ende der Tage gekommen ist, hat das Ende an den Anfang zurückgeführt, so dass es uns heute nicht mehr gestattet ist, Fleisch zu essen. (Lib. I, Adversus Jovinian). Verwundern sollte, dass in der heutigen Bibel nunmehr wenig von dieser klaren Auffassung durchschimmert. Immerhin gilt Hieronymus als Verfasser der Vulgata, der meistbenutzten lateinischen Bibelübersetzung.
Selbst Zeugnisse römischer Zeitgenossen weisen darauf hin, dass der Vegetarismus unter den frühen Christen ganz allgemein verbreitet ist. Seneca (5 v. Chr. - 65 n. Chr.) ist ein führender Vertreter der stoischen Philosophie und Hauslehrer von Kaiser Nero. Obwohl er ein begeisterter Vegetarier ist, nimmt er von seiner Überzeugung Abstand. Grund dafür ist Nero, der ihn aufgrund seines Vegetarismus verdächtigt, auch ein Christ zu sein. Seneca schreibt: Bestimmte ausländische Religionen (Christen) sind zum Objekt des kaiserlichen Misstrauens geworden. Als Beweis der Zugehörigkeit zu diesem fremden Kult oder Aberglauben wird auch die Enthaltsamkeit vom Fleisch der Tiere gezählt. Ich sehe mich durch die dringende Bitte meines Vaters hin veranlasst, zu meinen früheren Ernährungsgewohnheiten zurückzukehren. Seneca konnte jedoch seinem Schicksal nicht entgehen und wurde später von Nero zum Selbstmord genötigt.
Als die Christen beschuldigt werden, Menschenopfer darzubringen, wehren sie sich: Ihr, die ihr wisst, dass wir Tierblut verabscheuen, wie könnt ihr glauben, wir seien nach Menschenblut begierig?. Und der byzanthinische Gouverneur Plinius bestätigt seinem römischen Kaiser Trajan (53 - 117) in einem Brief, dass die Christen sich der Fleischnahrung enthalten (Ep. lib.X.96).
Diese Überlieferungen lassen darauf schliessen, dass der Vegetarismus im frühen Christentum gelehrt und gelebt wird. Doch mit Kaiser Konstantin kommt im 4. Jahrhundert ein Herrscher an die Macht, der das Christentum zur Staatsreligion macht und so die Geschichte des Christentums wesentlich mitprägt. Unter seinem Diktat geht es den vegetarischen Christen nicht viel anders, als es ihnen unter Nero ergangen ist. Sie müssen befürchten als Ketzer bestraft zu werden, denn dem Glaubensbekenntnis des römischen Reiches liegt nun eine Bibelinterpretation zu Grunde, welche den Fleischgenuss billigt. Die Strafe, die Konstantin gefangenen Ketzern zukommen lässt, ist grausam: er lässt ihnen flüssiges Blei in den Hals schütten.
Eine weitere aufschlussreiche Begebenheit findet im Jahre 692 n. Chr. statt. Justinian II beruft die Trullanische Synode (auch Quinisext) ein. Diese Synode ist im wesentlichen eine Fortführung und Bestätigung der Entscheidungen aus früheren Konzilen. Dennoch werden auch einige erzieherische Entschlüsse gefasst, welche sich von bestimmten Praktiken unterscheiden, die sich im Westen bereits festgesetzt haben. Die römische Kirche ist nicht gewillt, dies zu verändern und der Papst lehnt die an der Trullanischen Synode festgelegten Bestimmungen ab. Eine der Regeln, die abgelehnt wird, lautet: Die Heilige Schrift verbietet das Essen von tierischem Blut. Ein Priester, der Blut zu sich nimmt, wird mit seiner Absetzung, ein Laie mit seiner Exkommunikation bestraft.
Die Verfolgung der vegetarischen Christen hält auch nach der Jahrtausendwende an. Graf von Hoensbroech schreibt: Durch die Bischofsversammlung in Glosar im Jahre 1051 wurden mehrere als Ketzer zum Tode verurteilt, weil sie sich geweigert hatten, Hühner zu töten: denn es entspräche den Anschauungen der Katharer, keine Tiere zu töten. Ja selbst das Aussehen der Angeschuldigten genüge, sie als Ketzer zu verurteilen, weil ihre Blässe zurückzuführen sei auf den der Lebensführung der Katharer entsprechenden ausschliesslichen Genuss von Pflanzennahrung. (Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit, Volksausgabe, Leipzig, Breitkopf und Härtel, 1904, Seite 35). Trotz der Gefahr für das eigene Leben sind jedoch in der christlichen Tradition immer wieder Gläubige auch für den Vegetarismus als Bestandteil christlicher Ethik eingetreten und zum Teil sind daraus christliche Orden wie die der Trappisten, Benediktiner, Karthäuser oder Zisterzienser hervorgegangen.
Wir kommen zum Schluss, dass die aufgeführten Zitaten darauf hinweisen, dass die frühesten Formen christlicher Lehre den Vegetarismus beinhalten. Doch es geht nicht in erster Linie darum, Historik zu betreiben. Auch die Frage des Fleischverzehrs muss letztlich vom Standpunkt der eigenen Erkenntnis und des eigenen Bewusstseins beantwortet werden. Im nächsten Kapitel werden wir noch näher auf diesen Punkt eingehen.
Vegetarismus und Christentum (6.7. des Seminars)
Selbstverwirklichung und Gesundheit (1.7. des Seminars)
zu einer vegetarischen Ernährung. (Albert Einstein)
Unterkiefer, Zähne, Speichel
Magen, Verdauungstrakt
Leber, Nieren, Ausscheidungen
Vitamin C
Die Frage nach der artgerechte Ernährung des Menschen wird heute oft in der Art eines ideologischen Kleinkriegs diskutiert. Dies ist unnötig, denn es gibt inzwischen unzählige auf wissenschaftlicher Grundlage durchgeführte Untersuchungen zu diesem Thema, die eine wertfreie Beantwortung der Frage ermöglichen. Stellvertretend verweisen wir hier auf die Arbeit der Ernährungswissenschaftler Leitzmann und Hahn (Vegetarische Ernährung, Ernährungswissenschaften Medizin, Uni-Taschenbücher für Wissenschaft Nr. 1868, 1996, ISBN 3-8252-1868-6). Die Betonung einer Pflanzen- und Getreidekost für den Menschen aus ernährungsphysiologischer Sicht ist eine unumstössliche Tatsache.
Ebenfalls nicht dem Vegetarismus verpflichtet waren Menschen, bei denen die Umstände oder ihre charakterlichen Eigenschaften ein fast unüberwindliches Hindernis bildeten. Ihnen war es gestattet, Fleisch zu sich zu nehmen, wobei sie gleichzeitig bestimmte Regeln und Riten einzuhalten hatten. Beispielsweise musste das Tier an festgelegten Tagen einer bestimmten Gottheit mit ausgewählten Mantren geopfert werden. Diese Einschränkungen sollten dazu dienen, dem Menschen sein Tun und seine Verantwortlichkeit bewusst werden zu lassen - ihn nicht einfach gedankenlos und blind gegenüber dem Leben und Tod des Tieres zu machen, dessen Fleisch er verzehrte. So lautet einer der Sanskritverse, die dem Opfertier ins Ohr geflüstert werden musste, wenn man es tötete: Dieses Geschöpf, das ich hier und jetzt esse, wird im nächsten Leben mein Fleisch verzehren. Deshalb sprechen die Gelehrten von diesem Fleisch als mamsa: ich bin er. (vgl. Shrimad-Bhagavatam, Erl. zu 11.5.14, BBT 1988).
Dies ist ein einzelner Vers aus dem Glauberger Schuldbekenntnis, das Christen im Frühjahr 1988 ablegten. Wie in der vorherigen Lektion deutlich wurde, ist die Frage, ob sich eine Ethik biblisch begründen lässt, die den Tieren eigene Rechte gegenüber dem Menschen zugesteht, nicht allein durch Vermutungen über Jesus Essgewohnheiten zu beantworten. Christliche Ethik kann nicht an der Frage der ethischen Verantwortung für die Mitgeschöpfe vorbeigehen, die der Obhut des Menschen anvertraut sind.
In 1. Mose 1,26 wird dem Menschen eine Sonderstellung gegenüber dem Tier eingeräumt: "Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich; sie sollen herrschen über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alles Wild des Feldes und über alles Kriechende, das auf der Erde sich regt."
Doch ist diese Sonderstellung nicht gerade im Lichte der grossen Verantwortung zu sehen, die hier dem Menschen übertragen wird? Der Verantwortung nämlich, dass jeder Mensch vor Gott als sein Stellvertreter in der Schöpfung wirken soll. Die Herrschaft des Menschen über die Tiere und seine Gottesbildlichkeit, wie sie in obigem Bibelzitat beschrieben wird, kann keine Freikarte zur Ausbeutung von Tier und Natur sein. Vielmehr ist sie eine Aufforderung, im eigenen Tun das Werk Gottes sichtbar zu machen. Daran dass die Bibel die Würde des Mensch nicht höher bewertet, als die Würde der Kreatur, lässt Pred. 3,18 - 21 keinen Zweifel aufkommen: Ich dachte bei mir selbst: Der Menschenkinder wegen, sie zu prüfen, hat Gott es so gefügt, damit sie sehen, dass sie nicht mehr sind als das Tier. Denn das Geschick der Menschenkinder ist gleich dem Geschick des Tiers; ein Geschick haben sie beide. Wie dieses stirbt, so sterben auch jene, und einen Odem haben sie alle. Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug. Denn alle gehen an einen Ort; alle sind sie aus Staub geworden, und alle werden sie wieder zu Staub. Wer weiss, ob der Odem der Menschenkinder emporsteigt, der Odem des Tieres aber hinabfährt zur Erde?
Die christliche Lehre betont zu Recht die menschliche Existenz als unendlich kostbar. Doch lässt sich der christliche Auftrag zur Diakonie, zum Dienst an den Armen und Hilfsbedürftigen, verwirklichen, wenn Kreatur und Schöpfung davon ausgeklammert sind? Christlich muss die Schöpfung im Licht des Erlöstseins und Erlöstwerdens betrachtet werden, das heisst, der Zweck der Schöpfung besteht darin, erlöst zu werden. Zur Schöpfung gehören aber sowohl Mensch als auch Tier.
Im Lichte des Erlösungsgedankens besteht die Verantwortlichkeit des Menschen - des Christen - darin, allen Mitgeschöpfen, den Armen und den Schwachen, zu helfen und zu dienen. Er ist der gute Hirte, dessen besondere Verpflichtung darin besteht, Gewalt und Leid so weit als möglich zu verhindern und zu vermindern. Diese besondere Verpflichtung kommt sehr schön in 1. Mose 2.15 zum Ausdruck: Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre. Das hebräische Wort für "bebauen" bedeutet ebenfalls "dienen". Aus diesem Dienen ergibt sich der Auftrag zur Fürsorge für alles, was schwach und der Macht anderer ausgeliefert ist.
In den 90er Jahren hielt Prof. Dr. theol. Erich Grässer, Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn, in einer Ansprache fest: ... Kirche sei für die Menschen da. Aber dieser Mensch ist doch gerade nach biblischer und kirchlicher Lehre ein Geschöpf Gottes inmitten anderer Geschöpfe Gottes. Er lebt als Geschöpf in der Schöpfung. Noch deutlicher: Er hat von Gott her das Amt, Haushalter und nicht Ausbeuter der göttlichen Schöpfung zu sein. Allmählich gewinnt die Kirche diese Einsicht zurück, wie das jüngst von beiden Kirchen herausgegebene Dokument Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung beweist.
Aber viel zu lange hat auch die Kirche statt vom Heil der Schöpfung nur vom Heil des Menschen gesprochen, und damit jene Grundeinstellung gefördert, die da sagt: Wir Menschen sind alles, alles andere ist nichts. Die gnadenlosen Folgen dieser Einstellung, die den Menschen zum höchsten Wesen übersteigert, die Natur aber zum frei disponiblen Objekt entwertet, bekommen wir immer deutlicher zu spüren. Die Ressourcen schwinden, die Böden versauern, die Gewässer verfaulen, die Lüfte verpesten, die Wälder sterben, die Wüsten wachsen, die Äcker und Tierbestände schrumpfen, nur die Menschheit wächst und wächst. (Quelle: Informationsblatt des Arbeitskreis gegen Vivisektion Interlaken, Schweiz)
Mit ähnlichen Worten weist auch der streitbare Theologe Eugen Drewermann auf die zerstörende Wirkung einer anthropozentrisch ausgelegten Christenlehre hin: Sie galt ausschliesslich nur für den Menschen; sie gründete damit die absolute Hochschätzung der Menschen auf die relative Missachtung aller anderen Mitgeschöpfe; sie zerriss auf diese Weise ideologisch das gemeinsame Band des Lebens, das Menschen und Tiere miteinander verbindet; sie machte, wie jede Doktrin, die zu eng ist, um der Wirklichkeit gerecht zu werden, grausam im Umgang mit der Wirklichkeit des Lebens. (aus seinem Essay in Die Erde bewirtet uns festlich, Steven Rosen, Adyar 1992).
Dabei ist die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben biblisch und viele Bibelstellen bezeugen Gottes Fürsorge für alle Geschöpfe. Nach christlicher Auffassung ist die Person und das Wirken Jesus Christus die Fleischwerdung der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Im neuen Bund muss diese Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe im ethischen, dem Leben in all seinen Formen dienenden Verhalten der Nachfolger Jesu lebendig werden. Dies ist ein lebendiges Zeugnis der Versöhnung mit Gott, wie sie der Prophet Jesaja als Wirken des Messias beschreibt und so kann ein Stück dessen Realität werden, was Jesus aus Nazareth als Reich Gottes in Aussicht gestellt hat.
"Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften sein. Da wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei den Böcken lagern. Kalb und junger Löwe weiden beieinander, und ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bärin werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Der Säugling wird spielen am Loch der Otter, und nach der Höhle der Natter streckt das kleine Kind die Hand aus. Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn, wie von Wassern, die das Meer bedecken".(Jes. 11, 5-9).
Damit kommen wir zum Schluss dieser Lektion und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Ausprobieren folgender vegetarischen Zubereitungen.
Vegetarismus und das jüdische Gesetz (7.7. des Seminars)
Die Grundpfeiler, auf denen die jüdische Lehre und ihre Gesetze aufgebaut sind, werden zuweilen in zwei Kategorien aufgeteilt: dem geschriebenen Gesetz (der jüdischen Bibel) und dem mündlichen Gesetz.
Gemeint ist mit dem geschriebenen Gesetz die hebräische Bibel, die Torah (das Alte Testament). Zum mündlichen Gesetz werden Schriften wie der Talmud gezählt. Im Talmud sind Schriften aus über siebenhundert Jahren (etwa 200 v. Chr. bis 500 nach Chr.) gesammelt. Die Texte wurden ursprünglich mündlich weitergegeben, woraus sich die obige Unterscheidung ableitet. Zur zweiten Kategorie gehören verschiedene weitere Kommentare und rabbinische Schriften, die als heilig gelten.
Die jüdische Bibel (Torah) bleibt die unveränderliche Grundlage, während die in der Tradition befindlichen Werke, die sich andauernd verändernden Bedingungen berücksichtigt. Dieses System hat das Judentum bis in die heutige Zeit lebendig und lebensnah erhalten, und weist in dieser Hinsicht Parallelen zu der vedischen Tradition auf (vergleiche auch Kap. 1.5. und 2.5. hiernach).
Das heutige orthodoxe Judentum lehrt die vegetarische Ernährung generell nicht als biblischen Grundsatz. Unbestritten ist jedoch, dass in Torah und Talmud sowohl die ursprüngliche Ernährung in der jungen und unversehrten Schöpfung, als auch die Ernährung im zukünftigen messianischen Zeitalter als vegetarisch beschrieben wird.
Als erste Speiseregel für den Menschen gilt Genesis 1.29:
Und Gott sprach: Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein.
Viele jüdische Gelehrte sind aufgrund dieser Unterweisung der Auffassung, dass Gott den Menschen ursprünglich zu einer vegetarischen Ernährung auffordert. Im frühen 20. Jahrhundert hält beispielsweise Moses Cassuto in seinem Kommentar Von Adam zu Noah (Seite 58) fest: Es ist gestattet, Tiere zu nutzen, sie für die Arbeit zu gebrauchen, und sie soweit zu beherrschen, als wir ihren Dienst in die Erhaltung unseres Daseins stellen. Aber wir dürfen ihr Leben nicht als gering erachten oder sie abschlachten, um sie zu verzehren. Unsere natürliche Ernährung besteht im Vegetarismus.
Der Talmud pflichtet dieser ursprünglichen Ernährungsform zu (Sanhedrin 59b): Adam war es nicht gestattet, sich von Fleisch zu ernähren.
In der Harmonie dieser noch jungen Schöpfung scheint der Vegetarismus die ideale Ernährungsform darzustellen, denn im nächsten Vers wird auch die Ernährung der Tiere als vegetarisch beschrieben (Genesis 1.30):
Aber allen Tieren der Erde und allen Vögeln des Himmels und allem, was sich regt auf der Erde, was Lebensodem in sich hat, gebe ich alles Gras und Kraut zur Nahrung. Und es geschah also.
Als das Schöpfungswerk nun fast vollbracht ist, folgt die Feststellung (Genesis 1.31):
Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und es ward Abend und ward Morgen: der sechste Tag.
Deutlich wird hier eine Harmonie spürbar, welche den Schöpfer, die Schöpfung und alle Geschöpfe miteinbezieht. Doch im Laufe der Zeit, wandelt sich das Gesicht der Erde. Die Zügellosigkeit der Menschen und damit auch die Gewalt untereinander und gegenüber den Tieren nimmt zu. Die Erzählung Noahs weist unmissverständlich auf diesen Zerfall hin (Genesis 6.12):
Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Wandel verderbt auf Erden.
Die in der Folge stattfindende Sintflut lässt ein Bild der Verwüstung hinter sich. Und selbst als Gott nun einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen errichtet, fehlt darin ganz und gar die Harmonie, die in den jungen Tagen der Schöpfung die Beziehung trägt. Vielmehr ergeht die Unterweisung nun an eine Menschheit, die schwach und von Gott abgefallen ist (Genesis 9.2):
Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht, und über alle Fische im Meer: in eure Hand sind sie gegeben.
Zu diesem Vers bemerkt Rabbi Samson Raphael Hirsch, ein bekannter Thora Gelehrter des 19. Jahrhunderts, dass nunmehr die frühere Zuwendung zwischen Mensch und Tier gebrochen ist. Dieser Bruch läutet gleichzeitig einen Wechsel der Beziehungen unter den Menschen ein.
In diesem Umfeld nach der Sintflut verkündet Gott nun ein neues Speisegesetz (Genesis 9.3.):
Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das Kraut, das grüne, gebe ich euch alles.
Zahlreiche jüdische Gelehrte betrachten dieses Gotteswort als ein Zugeständnis an eine Menschheit wie sie ist und nicht wie sie sein sollte. Isaac Kook (erster Oberrabiner des neuen Staates Israel) kommentiert diese Erlaubnis zum Fleischverzehr in seiner A Vision of Vegetarianism and Peace (editiert von Rabbi David Cohen, The Nazir) lediglich als zeitweilig. Seiner Meinung nach sollte diese Erlaubnis es verhindern, dass eine Menschheit, der es unmöglich geworden war, ihre Lust auf Fleisch zu kontrollieren, noch weiter degenerierte, indem sie womöglich gar zu Menschenfressern würde. Dadurch dass Gott die Menschheit deutlich vom Tier unterschied, sollten die Menschen dazu angespornt werden, zumindestens sich untereinander nicht mehr zu töten.
Ein ähnliche Ansicht vertritt der jüdische Mystiker Joseph Albo (15. Jahrhundert). Da die Lust der Menschen nach Fleisch zu gross geworden war, würde ein bedingtes Zugeständnis, diese Lust kontrollieren helfen. Im Hinblick auf den Ist-Zustand der Menschheit könnten diese Erlaubnis und die damit verbundenen Einschränkungen verhindern, dass die Menschen sich vollkommen einer Lust zuwandten, die bereits vorher (vor der Sintflut) zu Unheil geführt hatte.
Und bereits Nachmanides lehrte im 12. Jahrhundert, die Heiligkeit durch den Verzicht auf das, was erlaubt war: denn wer ständig Wein trinke und Fleisch esse, werde als Schurke der Thora-Erlaubnisse angesehen.
Diese Auslegungen werden dadurch gestützt, dass der Fleischverzehr starken Einschränkung unterzogen ist (Genesis 9.4):
Nur Fleisch, das seine Seele - sein Blut - noch in sich hat, dürft ihr nicht essen.
Die jüdische Lehre setzt den Begriff Blut mit dem Begriff Leben gleich. So darf diese Einschränkung als Aufforderung zur Ehrfurcht vor dem Leben verstanden werden. Wer die Kashrut-Gesetze einhält, wird sehr direkt mit der blutigen Realität des Fleischverzehrs konfrontiert. Es gibt viele rabbinische Kommentare zu den jüdischen Speiseregeln, welche darauf hinweisen, diese Erlaubnis zum Fleischverzehr unter ganz bestimmten Umständen, solle das Bewusstsein der Menschen für das göttliche Prinzip des Lebens erwecken, - das natürlich auch den Tieren eigen ist -, und sie ihre Lust und das damit verbundene Töten überwinden lassen.
Im Talmud wird direkt darauf hingewiesen, dass der Verzehr von fleischlicher Nahrung von einer negativen Bedeutung begleitet ist:
Die Torah erteilt uns eine Lektion in moralischem Verhalten -, der Mensch soll kein Fleisch essen, ohne dass er ein besonderes Verlangen danach hat ... und er soll es nur gelegentlich und selten essen. (Chulin 84a)
Je mehr Fleisch, desto mehr Würmer. (Pirke Avoth II,7)
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Wortverwandtschaft, auf die Steven Rosen in seinem Buch Die Erde bewirtet euch festlich (Adyar 1992, ISBN 3-927837-41-5) hinweist:
Bemerkenswert ist, dass in der ostindischen Überlieferung der Sanskritausdruck mleccha unsere westliche Kultur bezeichnet. Es ist dies ein Hinweis auf den im Westen weit verbreiteten Verzehr von Fleisch und andere ungute Eigenschaften. Und ebenso bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das hebräische mleecha, das, ähnlich ausgesprochen wie mleccha, das Reinheitsphänomen (Kaschrut) insgesamt bezeichnet. Für die alten Hebräer war die Verwandtschaft dieser beiden Wörter kaum überraschend, denn ihr eigenes Wort für Fleisch (basar) wurde von den Talmud-Gelehrten als Zusammensetzung der Buchstaben bet (Schande), sin (Verderbnis) und resh (Würmer) dargestellt. (S. 72/73).
Ähnlich wie die Erlaubnis in Gen. 9.3. keine Rechtfertigung des Fleischkonsums, sondern im Hinblick auf die Kaschrut-Gesetze wie oben ausführlich gezeigt eine Hinführung zum ethischen Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben darstellt, verhält es sich auch mit den Regulierungen zur rituellen Schlachtung von Tieren, den Schechitah Gesetzen. In der Erlaubnis zum Fleischverzehr und der Schlachtopferung darf sicherlich eine starke Neigung zur Anthropozentrik gesehen werden. Dennoch, immer im Lichte einer Realität gesehen, in der die Menschen mit Tieren nach Lust und Laune verfahren, wird im Judentum Schechita und Kaschrut als Ansatz für ein Tiertötungsethos gesehen. Die rituelle Schlachtmethode stellt die Forderung, alles zu vermeiden, was einer rohen Behandlung gleichkäme oder das Tier verletzen könnte. Würde diese Forderung konsequent durchgeführt, dürfte es keine Schlachtung geben. Die vielen Auflagen im jüdischen Speisegesetz sind lediglich ein erster Schritt in diese Richtung.
Von Rabbi Yishmael ist hierzu im Talmud (Baba Bathra 60b) folgende Feststellung überliefert: Von dem Tage an, als der Heilige Tempel zerstört wurde, wäre es rechtens gewesen, wenn wir uns ein Gesetz zum Verbot des Fleischverzehrs auferlegt hätten. Doch die Rabbis haben weise entschieden und erkannt, dass die Bestimmenden keine Gesetze erlassen dürfen, die von der Mehrheit der Gesellschaft nicht eingehalten werden kann. Sonst würden sowohl Gesetz als auch Verwalter lediglich in Verruf graten.
Ein jüdischer Gelehrter neuerer Zeit, Rabbi Samuel H. Dresner, hält denn auch fest, der Kaschrut drücke vorrangig eine Art Kompromiss aus. Der Mensch solle idealerweise überhaupt kein Fleisch essen, denn um Fleisch zu essen, müsse Leben zerstört, Tiere getötet werden. Er interpretiert die Erlaubnis zum Fleischverzehr als göttliche Gewährung, als extreme Massnahme gegen die Zügellosigkeit und Dummheit der Menschen.
Richard H. Schwartz, dem wir in der modernen Zeit wohl die ausführlichsten Kommentare und Sammlungen an jüdischen Gedanken zur vegetarischen Tradition zu verdanken haben, weist sogar darauf hin, dass manche Rabbis das Verbot in Genesis 9.4. in Verbindung mit dem nachfolgenden Vers 9.5. als Warnung Gottes verstehen, der darin den Fleischverzehr als eine langsame Form des Suizids erklärt.
Euer eignes Blut aber will ich einfordern; von allen Tieren will ich es einfordern, und von den Menschen untereinander will ich das Leben des Menschen einfordern. (Gen. 9.5.)
So herrscht ein ständiges Spannungsfeld zwischen der Forderung zur Ehrfurcht vor dem Leben, dem Mitleid und Schutz der Schwächeren auf der einen Seite, und der Schächtung und dem Verzehr von Tieren auf der anderen Seite. Dies tritt an vielen Stellen der jüdischen heiligen Texte zu Tage. In der Mischna wird beispielsweise folgende Geschichte erzählt:
Einst flüchtete ein Kälbchen vor dem Schächter, als dieser es mit dem Schlachtmesser zu Tode bringen wollte. Es lief zum Rabbi Juda und suchte unter dessen Mantel Schutz. Doch der Rabbi wies es zurück: "Lass mich. Es ist deine Bestimmung geschlachtet zu werden!" Aufgrund der hier gelebten Härte liess Gott ihn an einer langwierigen Krankheit erkranken, von welcher der Rabbi erst Heilung erfuhr, als er Schonung und Mitgefühl mit Tieren gezeigt hatte.
Das Zugeständnis zum Fleischverzehr erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Vorkehrung, eine Menschheit, die nicht in der Lage ist, das ursprüngliche Gesetz einzuhalten, soweit zu regulieren, dass sie sich Schritt für Schritt einem rechtschaffenen Verhalten annähern kann. Dies vor allem auch im Hinblick auf das kommende messianische Zeitalter des Friedens, der Barmherzigkeit und der Gnade, auf das sich das Judentum freut.
Schonung und Mitgefühl mit den Tieren, sie zu beschützen und ihnen kein Leid zuzufügen sind Absichten, die sicherlich erst dann erfolgreich verwirklicht werden können, wenn ihr Leben als wertvoller erkannt wird, als die Freude eines kurzen Gaumenkitzels.
Rabbi Kook lehrt denn auch, die Wirkung der Erkenntnis werde sich zur Zeit des Messias selbst auf die Tiere ausbreiten und die Harmonie in Gott würde wie in den ersten Tagen sein, als die Geschöpfe einander noch nicht nach dem Leben trachteten. Er glaubt genau wie Rabbi Albo daran, dass die Menschen sich in den Tagen so sehr weiterentwickelen würden, dass sie kein blutiges Unrecht mehr begehen und zur vegetarischen Ernährung zurückkehren würden. Diese Überzeugung wird ähnlich wie im Christentum (vgl. Kapitel 6.7 hiernach) durch die Verheissung in Jes. 11.5.-9. gestützt:
"Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften sein. Da wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei den Böcken lagern. Kalb und junger Löwe weiden beieinander, und ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bärin werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Der Säugling wird spielen am Loch der Otter, und nach der Höhle der Natter streckt das kleine Kind die Hand aus. Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn, wie von Wassern, die das Meer bedecken".